Samstag, 25. August 2012
Comeystar Harry
EIN ABEND MIT COMEDY

Der Sänger auf die Bühne trat,
Schlicht, ohne sich zu rühmen.
Ein Hauch von Bier und Fleischsalat
Verlor sich in Parfümen.
(Joachim Ringelnatz)

Ich berichte aus einer kürzlich vergangenen Zeit, denn es geschah an einem dieser trüben Sonntage im Advent. Weshalb weiß ich nicht, aber es blieb in meiner Erinnerung, wie so manches. Beim Frühstück zündete ich den Adventskranz an. Er brannte schön, aber das vertrieb nicht meine Eintrübung. Da raffte ich mich auf, rief bei unserer Mehrzweckhalle an, denn ich hatte soeben beschlossen, zu meiner Erheiterung einen als Kabarett auf höchstem Niveau angekündigten aus Funk und Fernsehen sehr bekannten deutschen Comedystar – auf Weltniveau, versicherte die Werbung -, der am Abend in der städtischen Mehrzweckhalle zur Aufführung gebracht wurde, zu besuchen. Das wurde auch sozusagen, ähm, irgendwie total.

Gleich zu Beginn ging das Kabarett los. Der Comedystar Harry – einer der dauergrinsenden von der Quatschgilde, Quotenkönig beim TDF, stellte sich schnell heraus, seine angeborene Talentlosigkeit quoll ihm aus allen Poren gleich dem Besatz des Brusthaartupets aus dem geöffneten Hemd; trauriges Ergebnis eines dünnen Ejakulats - brachte bei den Zuschauern das Zwerchfell zum Erschüttern, als er ihm zu Gehör brachte, wie er versicherte, es sei ihm eine hohe Ehre und er freue sich auch, in dieser wunderschönen Mehrzweckhalle sein Bestes geben zu dürfen. Infolge dieses stimmungsgewaltigen Wortschatzes, den der Star am laufenden Band in geschliffener Sprache ablieferte, erreichte er durch seinen funkelnden Humor – zu dieser frühen Abendstunde noch oberhalb der Gürtellinie – spielend das angekündigte Weltniveau, das er den ganzen Abend über beibehielt. So führte das erschütterte Zwerchfell zudem zu heftigem Schenkelklopfen, welchem sich das Publikum restlos hingab. So stand es im Bericht über das kulturelle Ereignis der Lokalzeitung. Was es in Deutschland nicht alles gibt.
Gleiches geschah bei der unheimlich tief gehenden Moritat – so urteilte der Blödmann seine Darbietung, gezeichnet von fäkebukischer Demenz, selbst, ich hatte den Eindruck, der eierlose Saftsack meinte das im Ernst – „Als ein Juchtenkäfer den Kapitalismus rette.“ Beim Erzählen verzog der Vortragende, weiß Gott warum, die Mundwinkel nach unten. Da brach mein Nachbar in dröhnendes Lachen aus. Ich fragte ihn besorgt, ob er o.k. sei. Zwischen seinem Japsen konnte ich ihn verstehen, dass der wahnsinnig witzige Quizmaster im Moment ganz doll Angela Merkel nachahme. Trotz dieser Belehrung über die stereometrische Darstellung von Angela Merkel konnte ich nicht lachen. Ich fand, dass mir nicht danach zumute war. Es erregte mich nicht.
Bald darauf ließen nicht enden wollende Lachsalven die Mehrzweckhalle in ihren Grundfesten erbeben. Der Comedystar erläuterte nämlich, er wolle jetzt mit satirischem Klartext seine beste Nummer zeigen. Er war endlich auf dem Niveau des Hodenkitzlers Mario Bath, dem Tittenfernsehen als Massenunkultur, angekommen. Er löste seinen Gürtel und ließ die Hosen, auch seine Unterhose, die mit Herzchen bedruckt war, runter. Durch diesen tollen Einfall, bekannt durch Funk, Fernsehen und viele Aufführungen von Faust und Hamlet in Stadttheatern, war als einer der Höhepunkte des Abends sein Schniedel zu sehen. Ein Vorzeigestück des Snobismus der Dummheit. Der war zwar das Übliche, hatte keine Weltextraklasse – nun, für 8,50 € kann man nicht mehr verlangen -, aber der Comedystar erklärte, mit dieser satirischen Kostbarkeit wolle er die Situation in unserer Überflussgesellschaft entlarven und hinterfragen; wir alle müssten den Gürtel enger schnallen. Der Schniedel des Comedian floss allerdings nicht über, das ist beim Unterwäsche- und Spermatheater unserer städtischen Bühnen, das sich Regietheater nennt, besser geregelt. Man muss Verständnis dafür haben, die cortexreduzierten Dauergrinser vom Matschgewerbe führen keine Glanzstücke des Regietheaters mit seiner grenzdebilen Unterkomplexität auf. Sondern „kabarettistische“ Events. Seinen Gürtel schnallte er enger, nachdem er seine Unterhose und Hose hochgezogen hatte. Wie sich in diesem Augenblick zeigte, hatte sich die Darbietung des Besten Harrys, des Quotenkönigs vom ZDF, das er trefflich ins Scheinwerferlicht gestellt getragen hatte, zu einem Härtetest für die Lachmuskeln entwickelt. Donnernder Applaus belohnte diesen Mega-Auftritt vor einem restlos begeisterten Publikum, der sich zu einem Orkan steigerte, als der Comedystar mit seinem unerreichbaren, manchmal akrobatischen Wortwitz sein Publikum zu stehenden Ovulationen aufforderte. Eine grenzenlose Heiterkeit wie im Ballermann auf Mallorca breitete sich aus, so lacht der von digitaler Diarrhoe gezeichnete Teil der Bevölkerung bei seiner täglichen Verdummungsandacht vor der Matschscheibe. Das Publikum war nun total entfesselt, schrieb ein paar Tage später die Regionalzeitung in ihrer Beschreibung des Abends mit der Weltklasse. Die Zeitung begründete allerdings nicht ihr Urteil, wozu auch, sie bildet doch bloß.
So vergingen die knapp zwei Stunden wie im Flug. Zahllose funkelnde Diamanten deutschen Humors, teilweise mit seinen Banalsekreten auch die Zustände in unserer Gesellschaft mit seiner satirischen Ader und mit Augenzwinkern persiflierend, zwei Stunden unterbelichteten Geschwafels, hatte der Comedystar Harry zur Aufführung gebracht. Die unvergesslichen Stunden des gelungenen Abends in unserer Mehrzweckhalle werden mir in der Erinnerung bleiben.

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Samstag, 11. August 2012
CHRONOSPERIPATHETHISCHE EMANATIONEN EINER KOSMISCHEN GEWORFENHEIT
AUS DEM BLÜHENDEN KULTURLEBEN VON IRGENDWO


Ilse Fässle (47), geb. Schneider, die Ehefrau vom Gustav Fässle, dem Gipsermeister von Irgendwo, ist eine der tragenden Stützen von Irgendwo. Als erster Alt des Kirchenchors bereichert sie unser religiöses Brauchtum und sie ist eine der Begabtesten unseres Kulturvereins Kreativwerkstatt, dessen Leitung in den bewährten Händen von Yvonne liegt. Legendär ist ihre Käse-Sahne-Torte, die sie zum allgemeinen Wohlgefallen sowohl zu den Übungsstunden des Kirchenchors als auch zu den Arbeitssitzungen der Kreativwerkstatt mitbringt. Ihr Tortengeheimnis besteht darin, dass sie unter die Mischung aus 600 gr. Vollfettquark und 500 gr. Sahne vorsichtig 12 in Courvoisier getränkte Rosinen samt dem Cognac hebt. Solche kleine Zutaten sind das Geheimnis großer Rezepte. Was wäre ein Rollmops ohne den eingerollten Schnitz einer saueren Gurke? Außerdem soll sie mit Hochwürden Hilarius …, aber ich will nichts gesagt haben, das Verhältnis gehört auch nicht hierher. Ilse ist eine Spätberufene, ihre persönliche künstlerische Handschrift und Ausdrucksweise wurden erst kürzlich entdeckt. Das kam so. Eines Abends saßen Hubert Schneider, der Bauunternehmer, Gustav Fässle und der Fliesenleger Thomas Brändlin mit ihren Ehefrauen zusammen, um die Erweiterung des Kindergartens um eine Kita zu klären, bevor sich der Gemeinderat mit dem Vorhaben befasst. So ist es in Irgendwo Tradition: zuerst die Regelung der Vergabe, dann die Ausschreibung. Noch vor den Sachfragen, aber nach einer kräftigen Brotzeit, wie sich das bei uns gehört, kam die Sprache auf die Tätigkeiten in der Kreativwerkstatt. Um diese anschaulich zu schildern, zeigte Ilse auch ein kräftiges Aquarell, das sie „gelbe Tulpen“ betitelte.
„Das Gelb hast Du sehr gut getroffen“, lobte Thomas und setzte eine Sachverständigenmine, wie sie gewiefte Handwerker in ihrem Repertoire haben, auf,
„ …aber auf die Tulpen wäre ich nicht gekommen“, urteilte Hubert.
Gustav sah es dem Gesichtsausdruck seiner Ilse an, dass diese im Begriff war, sehr enttäuscht zu sein. Dadurch drohte ihrem Fassadenbewurf das Schicksal, von Tränen stark beschädigt zu werden. Nichts Aufregendes, bei Frauen ist das oft so, wenn sie nicht, wie erwartet, gewürdigt werden. Geschickt rettete Gustav mit sanften Worten die Situation. „Hubert, Du Rotzlumpe, die Dinger wo meine Ilse mache tut, sind doch abschdraggte Kunschd. Bei de abschdraggte Kunschd sieht der Kenner sofort die Tulpe, wann er uff de Bildtitel lueget. Des hädd se von der Yvonne gelehrt. Die Yvonne isch doch Französin, weischd, die verschdoht öbbis von Kunschd. Ne, Ilse.“ Ilse schaute ihren Gustav strahlend an, soviel Kunstverstand hatte sie bei ihm noch nicht erlebt. Der Fassadenbewurf von Ilse blieb heile, denn die gereizten Tränendrüsen hatten sich unter dem Eindruck von Gustavs Erklärung wieder beruhigt. Hubert griff zum Bierkrug. Thomas wischte sich nach dem letzten Bissen Schwartemagen den Mund mit dem Hemdsärmel ab und meinte: „dann könnten wir zum Kindergarten kommen“.

Bei nächster Gelegenheit mit Käse-Sahne-Torte und Kaffee erzählte Ilse Yvonne und den anderen Künstlerinnen der Kreativwerkstatt von ihrer Entdeckung, dass sie „abschdraggte Kunschd“ macht. Das fanden alle sozusagen irgendwie authentisch. Yvonne riet ihr zudem, beim Malen von „abschdraggter Kunschd“ solle sie von Aquarell auf Papier auf Acryl und großformatige Leinwand umsteigen und breite Pinsel und Spachtel benutzen, das unterstreiche ihre persönliche Handschrift. Ilse folgte diesem Rat. Mit Folgen.

Kürzlich waren alle Kulturträger von Irgendwo, also eine überschaubare Zahl von Leuten, der Bürgermeister, der Hauptkommandant der Feuerwehr, die Vereinsvorsitzenden mit ihren Stellvertretern und Schriftführern sowie die Lehrer der Hauptsschule, auf den Beinen, denn im Nebenzimmer der „Linde“, dem Traditionsgasthaus im Schatten der katholischen Pfarrkirche, nahm eine Ausstellung, sie „sensationell“ zu nennen, wäre entschieden zu verhalten gesagt, ihren Verlauf. Den Titel „Chronosperipathetische Emanationen einer kosmischen Geworfenheit“ hatte sich Ilse Fässle persönlich einfallen lassen. Ursprung dieser Bemühung war die Tatsache, dass die Ilse beim Friseur im „Goldenen Stuss“ las, dabei auch vom Chronometer, den Prinz Charles beim Besuch einer Patisserie im Haus der Nationen in Paris trug, die Rede war. An dieser Stelle wird sehr deutlich, dass die beim Friseurbesuch erworbene Belesenheit der Kreativität der Frauen zu höchster Blüte verhilft. Als Ilse nämlich von diesem Erlebnis den Kreativfrauen so gut sie sich noch an die vielen Fremdworte im „Goldenen Stuss“ erinnerte berichtete, schlug Yvonne in einem Kreativorgasmus vor, das Triptychon, das zur Ausstellung gelangen solle, „Chronosperipathetische Emanationen“ zu betiteln. Ich schlage vor, „… einer kosmischen Geworfenheit“, fügte Gertrud Schäufele hinzu, „ des isch so scheen abschdraggt“. So kam die Ausstellung zu ihrem Titel.

Bei der Ausstellung war das Triptychon im Nebenraum der „Linde“ an drei Wänden aufgehängt. Es entfachte, da es „mit ihren eigenen Händen von Ilse Fässle auf Weltniveau in der Art eines zuerst kreativ kosmischen Geschehens, dann eines abgebrannten brillanten Feuerwerks, in die Welt geworfen war“, wie unser Heimatblatt in einer Würdigung der Exhibition kenntnisreich urteilte, bei den Besuchern eine Menge Nachdenken. Wir Irgendwoer sind nachdenkliche Leute, das oberflächliche Konsumieren von anspruchsvoller Kunst ist nicht unser Ding. Die einführenden Worte sprach Dr. Trübsam von der Gewerbeschule in Unterirgendwo, in der Gegend bekannt wie ein bunter Hund. Er ist für derartige Vorträge geradezu prädestiniert, denn er waltet schon lange seines zusätzlichen Amtes als Inhaber der Lehrbefugnis für „postäonale Komplexitäten“ an der „Akademie für angewandtes Design“ (früher „Ausbildungsstätte des Anstreicherhandwerks“) aus, das er bestens ausfüllt. Seine Worte, eine epochale Deutung der künstlerischen Handschrift von Ilse Fässle, werden nachfolgend im Wortlaut wiedergegeben.

Meine Damen und Herren,
liebe Freunde der Kunst, die von der Handschrift Ilse Fässles deutlich gezeichnet ist!

Herzlich willkommen in der durchgeistigten Welt der einsam auf dem Gipfel ihres eindrucksvollen Wirkens elysisch thronenden Künstlerin, die zu ehren heute unsere freudig wahrgenommene Aufgabe ist. Gestatten Sie mir, dass ich mich des klassisch gewordenen luziden Kosmos der Sprache Goethes und Schillers befleißige, denn mit diesen ist es mir heute ehrenvoll gegönnt, Ihnen das Triptychon, das in diesem festlich beleuchteten Nebenzimmer des örtlichen Gasthauses einen Ehrenplatz einnehmen darf, an der Wand hängt, dem begreifenden Zugang ihres Verstehens des neueren Werkes zu ermöglichen. Oh, welche Tiefe der Gedanken der christlich-abendländischen Tradition spricht uns aus diesem Kunstwerk an. Schon der Titel dieses Kunstereignisses von absolutem Weltrang, „Chronosperipathetische Emanationen einer kosmischen Geworfenheit“, lässt unserem Gemüt ein heiliges Schaudern hinzufügen, denn wir gewahren eine Bilderfindung von geradezu archaischer Wucht und gezeichnet von mythischer Ungewissheit; so mag es Goethe ergangen sein, als er im Erzgebirge einsam vor sich hinwandelnd zu Fuß unterwegs war und dort die Ruhe über allen Tannenwipfeln erblickte. Damit müssen wir uns abfinden. Hegel ist ja auch nicht einfach zu lesen. Doch hat man sich dem exorbitanten Werk unserer verehrungswürdigen Künstlerin auf Sichtweite genähert, stellt sich heraus, dass seine Wesenheit – der Titel lässt es zu vermuten nicht zu – ein sehr einfaches Relikt, freilich von metaphysisch-enigmatischer Konsistenz in nichteuklidischer Manier, ergo dem Geist des ausgehenden 20. Jahrhunderts entsprungen zu sein mit Gewissheit anzunehmen ist. Diese zeitliche Zuordnung ergibt sich ganz unbezweifelbar aus den zahlreichen Relikten von „Britt“, einem in jener Zeit gebräuchlichen Klebemittel, das auch für Papierbastelarbeiten geeignet ist, auf den Bildtafeln, quasi ein Markenzeichen jener kunstfernen Zeit, die die schlampig hastige Handwerkspfuscharbeitsweise des damaligen Äons manifestiert.

Betrachten wir zuerst den linken Flügel des Gesamtkunstwerkes an der Vertäfelung der linken Seitenwand dieses, mit im Morgentau in den lieblichen Auen von Irgendwo gepflückten Feldblumen, geschmückten Raumes – ach, wie liebe ich diese entzückende Einfachheit, die uns die göttliche Natur schenkt - mit dem Titel „dli sti“. (zeigt auf das Bild)



Blitzartig überfällt unser in stiller Betrachtung versunkenes Auge ein erkennendes déjà-vue-Erlebnis als Inkrustration der einsam wie ein Röslein in der Heide sich befindenden Weltseele, das, gleich Goethes Faust und Schillers Räubern, das ontologische Substrat des unvergänglichen oeuvres von Ilse Fässle im harmonischen Überschwang der hymnischen Reinheit der equilibristischen Ausgewogenheit von Formen und Farben, gleich dem gonokokkeninduzierten Befall von hochsensiblen Körperteilen mit natürlich nächtlich juckenden Parasiten, der Welt als Kulturerbe schenkt. Bei diesem Anblick ergreift rhapsodisches Schwingen unsere ästhetischen Sinnesorgane als hätte Tizian mit eigener Hand einen Höhepunkt abendländischer Kunstgestaltung geschaffen. Welcher Hausfrau und deren Ehemann, sofern er die Gattin beim Erwerb des Sonntagsbratens begleitet, ist nicht das Hackebeil des Metzgers, mit dem er die einzelnen Koteletts vom geballten Strang des Schweinerückens mit gezieltem Hieb trennt, aus eigener Anschauung geläufig? Ebenso beherzt mit Pinsel und Schere den Malgrund wohl bedeckend – nahezu genialisch ist in diesem Zusammenhang der Verzicht auf die noch im 19. Jahrhundert kleingliedrige Gestaltung eines Landschaftshintergrundes - offenbart uns die in den höheren Sphären des Elysiums agierende Künstlerin die Botschaft, gleich dem mit Flammenschrift an der Wand des Palastes des Belsazar erscheinenden Menetekel: „Mene mene tekel, u-pharsin“, dass ein „ex“, woran ein Klebeschnipsel erinnert, wie man eine vergangene Liebe, die sich in gewaltausbrechenden Hass verwandelt hat, zu bezeichnen pflegt, das Mysterium seiner ehemaligen Liebe mit gezielten Hieben in Stücke zerlegt hat, die uns die Künstlerin in das erinnernde Gedächtnis ruft. Vor uns haben wir ein Musterbeispiel einer mit begnadeten Künstlerhand geschaffenen, unser identifikationsuchendes Bewusstsein mit heiterem Sinn für gute und schöne Ware füllenden Synthese von diszipliniert bildnerischer Gestik und tiefschürfendem faustischen Suchen nach der ewig göttlichen Emanation der Leichtigkeit als solchen. Mit überzeugendem Formen, Lineaturen und Energien, die sich in erratischen Fundstücken materialisieren, hat in diesem linken Flügel, wie auch in dem Mittelteil, auf das ich im Anschluss daran zu sprechen zu kommen mich anschicke, hat die Künstlerin dem deutschen Sprachschatz, den Goethe und Schiller, unsere Helden von Weimar, die dort in vorbildhafte Einträchtigkeit in Bronze auf einem Sockel stehen, der deutschen Bühnenlandschaft zur pfleglichen Verwendung zugeeignet und geschenkt haben, einen sprachlosen Melodienreigen voller malerischer Anmutungen geschenkt.

Betrachten wir nun das Mittelstück des Triptychons, das hinter mir an der Stirnwand dieses Raumes befestigt ist. (zeigt auf das Bild)



Sehenden Auges haben wir es bei dieser herkulischen Hervorbringung mit dem Titel „spre hrte“ mit der apokalyptischen Perplexität zu tun, mit der schon die Aoplexis erzeugende Gnosis des späten Frühmittelalters in den Zusammenkünften der Geheimbünde hinter verschlossenen Türen raunte: „Die eigentliche Natur des Menschen ist das, was unter der erscheinenden Natur liegt.“ So offenbart uns, gleich einem Schmetterling, der mit seinen Facettenaugen die uns fremde Sicht auf die göttlichen Blumen einer Frühlingswiese pflegt, die nur scheinbar geordnet erscheinende Magie der in zwei dominanten Farben gemeißelten lyrischen Gravuren, weshalb die Lebenslandschaft des im oberen Drittel der Bildgestaltung symbolisch zu deutenden figurativen Bruchstücks einer aufscheinenden weiblichen Natürlichkeit, den herben Charakter einer dionysischen Fragmentur mit einem Restbestand von christlichem Moralempfinden, sich mit sparsam ausgemalten Farben Ast- und Blattwerk dem voyeurhaften öffentlichen Anblick ihres Genitaltraktes, des mythischen Ortes, an dem sich nach christlich gedachter Überlieferung Todsünde vollzieht, entzieht. Die Welt der Postmoderne blitzt auf wie eine einsam verirrte Rosine im Mandelgebäck. Die stupende apokryphe Schnitttechnik, die die Künstlerin in dieser mit erlesenem Geschmack und der herkuleischen Klebekraft von Uhu ausgestalteten Weise zur Anwendung bringt, gemahnt an die ägyptischen Zeitzeugen einer untergegangenen Hochkultur, unterstützt zugleich die größte dramaturgische Raffinesse der gestalteten dramatischen Expropriation sensibelster Delikatessstellen, die Ilse Fässle walten ließ. Wie feingliedrig verläuft die fragile Lineatur des Ästleins entlang der morphologischen Furche zwischen Bein und Bauch und wendet sich in keuscher Bewegung von einer Berührung der Stätte des unendlichsten Geheimnisses der Schöpfung ab! Eine im vollen Bewusstsein menschlicher Befähigung zur mystischen Attribution mit bildnerischen Mitteln in klassischer Manier geschaffener kosmologischer Bedeutungshorizont, der den Menschen als Wesen auf der Suche nach Sinn mit frappantem Gehalt füllt. Eine an das Paradies gemahnende Sphärenmusik der makellosen Reinheit, ins Ewiggültige erhöht durch den Verzicht auf die erdige peinture des frühen van Gogh. Statik und Dynamik zugleich: es hat die gnostische Dynamik der Kräfte einer verborgenen Weltseele, die uns im Innersten bewegen, in diesem Mittelstück ihren gültigen Ausdruck gefunden.

Wenden wir uns nun mittels einer leichte Drehung unserer Körper dem rechten Flügel des Triptychons zu, um ihm unsere analytische Betrachtung zuteil werden zulassen. (zeigt auf das Bild)



Wir erschrecken zutiefst an Körper Geist und Seele, wie Goethe mit faustischem Drängen unsere Ganzheitlichkeit definiert hat, wenn sich unseren Augen die gnadenlose Unbarmherzigkeit kund tut, mit dem in phantastischer Doppelpyramidalkonstruktion die schmerzliche Vollendung des Weltgeistes Hegelscher Prägung unsägliche Schmerzen auslöst. „Nachbarin, noch ein Fläschchen!“ möchte man mit Gretchen in Faust I. ausrufen, da die jähe Erkenntnis der Folgen des Geschehens auf deutschen Bühnen und in deutschen Kunstgalerien das gestaltende Chaos offenbart, das die unsägliche Flachheit des heutigen Geschehens, dem man das Attribut „Kultur“ nicht beifügen kann, an das Licht der Wahrheit zerrt. Mit brutaler Offenheit ruft uns Ilse Fässle in der aufklärenden Form einer Säulengrafik zu: „Haltet ein!“ Folgt dem Fingerzeig der Hand des Kundigen, die auf die vergifteten Früchte des hemmungslosen Gebrauchs des unter ein Feigenblatt sich zurück gezogen Habenden verweist. Das hirnaustreibende und es ersetzende kulturschändende Katarakt der Kochshows hat, gleich dem sich besinnungslos um sich selbst drehenden Rührwerk einer mechanischen Küchenmaschine, in unserer Zeit den unendlichen Reichtum der tradierten Künste vertrieben. Endstadium einer Epoche, von schwärenden Wunden gezeichnet, von der existenziellen Geworfenheit in verschlingende Untiefen des falschen Seins in der falschen Welt der metamorphosierten späten Postmoderne, die, in Anlehnung an die verquasten Phraseologien Nietzschescher Deprivation, der Menschheit ihre wahre Befindlichkeit vor die irregeleiteten Augen schleudert. Beim analysierenden Anblick auf die dekouvrierende Kunst unserer heute zu ehrenden Künstlerin erleben wir die Welt, von der Künstlerin sichtbar gemacht durch ein komplexes Gewebe und Gebilde von Farben, Linien und Flächen und deren Zusammen- und Gegeneinanderspiel, eine – nur auf den ersten Blick verwirrende, auf den zweiten Blick sieht es ganz anders aus, – Vielfalt der Formungen, die nach der Balance der Harmonie suchen. Ein komplexes Labyrinth von Empfindungen, in dem Ariadne kein roter Faden sicheren Weg in die Eindeutigkeit weist. Den roten Faden, den eigenen Weg zum Eigentlichen unseres Selbst, müssen wir auf uns allein gestellt finden, zu unserer biografischen Landschaft des ganzheitlich Begriffenen.

Insgesamt variiert und vertieft das in seiner Einmaligkeit zu verinnerlichende Triptychon die existentielle Problematik. Spontan gestisch, nicht von berechnendem Kalkül gesteuerte bildhafte Fragmente, assoziative Erinnerungen an in Träumen und Phantasie Erlebtes, werden durch das Umfeld von energetisch aufgeladene weißen Grafismen in der Form von unversehrten Flächen in eine fragile Ordnung gebunden. Das dynamische Wechselspiel zwischen kreativer Spontaneität von gestischem Verve und dem Ausbalancieren der Kräfte, die dialogische Bezüglichkeit von Zufall und Kontrolle. Ungeordnetes und dynamische Ordnung zugleich. Abbild des Wesentlichen unserer Existenz. Zufälliges und Geordnetes stößt auf uns ein, reibt sich, ergänzt sich, wir müssen beides in eine latent zerbrechliche Ordnung bringen. Die anmutenden Prägungen von Fundstücken, mit reichlich verwendetem „Britt“ – oder verwendete die Künstlerin „Uhu“? - auf kostbarem Malgrund zusammengeklebt, erzählen uns in der vorerwähnten Weise von unserem wirklichen Leben, von seinem Substrat. Sie sind die wahren „Tagebücher“ und „Erinnerungen“, von anderem Gehalt als die an objektive Fakten von Texten mit gleichen Titeln in den Buchhandlungen, die allenfalls die äußere Kulisse abbilden, hinter denen sich das Eigentliche, das Erleben der Sinne ereignet. Nicht das Bewusste, es ist das plötzlich aufscheinende Unbewusste, das der spontanen Malerei die gestaltende Hand lenkt. Keine denkende Äußerung, sondern unkontrollierte Ent-Äußerung des mit den Sinnen erlebten Lebens. Nicht die Konstante der Grundform, die Varianten der seelisch–emotionalen Verfasstheit macht das Individuum aus. Eine Künstlerin sucht und gestaltet hinter dem Körperlichen das Wesen der Erscheinung. Aufscheinen und Widerschein der seelischen Verfasstheit eines Menschen.

Meine sehr geehrten Anwesenden, hochverehrte Künstlerin Ilse Fässle, ich bin am Ende.

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Samstag, 4. August 2012
Norbert 60
Aus dem blühenden Kulturleben von Irgendwo

Neulich kam es bei uns in Irgendwo wieder zu einem Höhepunkt der bei uns heimischen Hochkultur. Norbert, mein alter Freund und Zahnarzt in der Gemeinde, wurde 60. Was das mit Hochkultur zu tun hat, will ich berichten.

Zu dem Ereignis unserer Hochkultur kam es durch den selbstlosen Einsatz von Yvonne, der Frau von Norbert, die er als junger Mann aus dem Urlaub in Frankreich (sowie, wie sich bald zeigte, Jeanette, die damals noch sehr kleine Tochter) mitgebracht hat. Auf diese Weise hat Norbert auch die Völkerverständigung in unsere Gemeinde gebracht. Yvonne wurde mit der Zeit bei uns in Kultur tätig und hat sie in unserer Gemeinde – zusätzlich zum Bauernschwank, den die Freiwillige Feuerwehr jedes Jahr im dann ausgeräumten Spritzenhaus zur Aufführung bringt – zur Hochblüte gebracht. Zuerst hat sie eine Kreativwerkstatt ins Leben gerufen. In dieser haben bei Kaffee und Kuchen als ehernem Bestandteil des Kulturschaffens eine Handvoll Frauen aus den besseren Kreisen von Irgendwo wöchentlich wunderschöne Lavalampen gebastelt. Schon bei diesem Tun – erst recht danach - zeigte sich der wunderbare Reichtum der deutschen Brauchtumspflege, die ein unauslöschlicher Grundpfeiler unserer nationalen Brauchtumspflege ist. Als mit der Zeit die gehobenen Einfamilienhäuser der kreativen Frauen mit Lavalampen überreichlich ausgestattet waren, kam die Kreativwerkstatt in die Krise. Diese wurde dadurch gelöst, dass die Kreativwerkstatt in einen Kulturverein umgewandelt wurde. Yvonne wurde die geborene Vorsitzende, unser Bürgermeister der stellvertretende Vorsitzende und Norbert wurde zum Schatzmeister berufen. In dieser ehrenvollen Position bezahlt er, wie zuvor in der Kreativwerkstatt, wöchentlich den Kaffee und Kuchen für die Künstlerinnen, wie sich die Frauen seit der Gründung des Kulturvereins nennen. Nunmehr ist Schluss mit den Lavalampen, die Künstlerinnen haben sich dem Aquarell auf französische Art zugewandt, zu dem sie Yvonne, die geborene Französin, anleitet. So viel zum Hintergrund des heutigen Berichts. Ich habe etwas weiter ausgeholt, weil das mit unserem Kulturleben in Irgendwo ziemlich kompliziert ist.
Nun aber zum Verlauf des Ereignisses als Mittelpunkt meines Berichts.

Yvonne als Vorsitzende des Kulturvereins hat das Ereignis der Hochkultur von Norberts 60. Wiegenfest im Festsaal der „Linde“, der 60 Personen Platz bietet, organisiert.
Um die festliche Verankerung des Kulturkreises unter dem Vorsitz von Yvonne in unserer Gemeinde zu stärken, nahm der Bürgermeister, der stellvertretende Vorsitzende, den runden Geburtstag von Norbert zum Anlass, er ließ vom Bauhof die für besondere Anlässe vorgesehenen 2 Lorbeerbäume und das Rednerpult aus dem Rathaus zur „Linde“ bringen. Mit dieser Maßnahme fand das Ereignis einen sehr festlichen Rahmen.
Dann kam der Abend selbst.

Der Festsaal der „Linde“, voll gespannter Erwartung, aber die Stimmung noch nicht am Sieden, war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Räuschle Sepp, der Wirt der „Linde“, rieb sich die Hände. Schon beim Eintreffen von Norbert drückte er ihm beide Hände, gratulierte mit ausgewählten Worten, wie er sie sonst nur bei Hochzeitsfeiern und Leichenimbissen in der „Linde“ verwendet; ehrlich meinte er zu Norbert: „Du solltest jedes Jahr zweimal 60. Geburtstag feiern!“
In der ersten Reihe saßen neben dem Bürgermeister in der Mitte Norbert, Yvonne und Jeanette, daran anschließend nach der Rangordnung von Irgendwo der Hauptkommandant der Freiwilligen Feuerwehr, der Hochwürden Hilarius, die elf Vorsitzenden der anderen Vereine unserer Gemeinde und der Vikar Tuntig.

Die Trachtenkapelle verdiente sich ihr Freibier (das Norbert freiwillig spendierte), indem sie feierlich in die kulturelle Festlichkeit durch das Abspielen von Perlen der bei uns heimischen Hochkultur einleitete. Sie intonierte Norberts unverwüstliche Lieblingsmelodien, die auch bei den Heimatabenden in Irgendwo großen Anklang finden und eine Bombenstimmung aufkommen lassen. Unter der bewährten Stabführung ihres langjährigen Dirigenten, dem Hamann Egon, kam es so zu den ersten Höhepunkten. Zuerst ertönte der Radetzky-Marsch, der Jung und Alt erfreute. Dann kam das Badnerlied. Norbert hat diese Tradition so gern wie von Parodontose befallene Zähne. Pro Jahr zwei raus, ruck – zuck, schon ist neuer Platz für zwei weitere Implantate. Der ganze Saal sprang auf und sang aus voller Kehle mit. Das war sehr beeindruckend. Ein solches Kulturereignis gibt es nur in Irgendwo. Mit den letzten Takten brandete rauschender Beifall auf, er steigerte sich bis er frenetisch genannt werden konnte, den sich unsere Trachtenkapelle infolge ihrer beseelten Darbietung voll verdient hatte. Danach setzte sich das Publikum wieder und bot dem Räuschle Sepp die Gelegenheit, vor der Rede unseres langjährigen Bürgermeisters die nächste Runde zu servieren.

Mit gemessenen Schritten, wie sie hohen Kulturereignissen angemessen sind, schritt der langjährige Bürgermeister unserer unbeschreiblichen Gemeinde zum Rednerpult zwischen den beiden Lorbeerbäumen, um erneut einen „unvergesslichen Beitrag zum geistigen Erbe des Abendlandes“, schrieb unsere Heimatzeitung in einem Bericht, zu leisten. Er räusperte sich zweimal, klopfte mehrmals an das Mikrofon und fing mit seiner Rede an, als es mehrmals dong, dong aus den Lautsprechern machte.

„Lieber Norbert, heute an Deinem Ehrenfest darf ich Dich herzlich begrüße und im Namen unserer Gemeinde beglückwünsche und Dir alles Gute wünsche. An Deiner Seite sitzt Deine liebe Gattin Yvonne, wo die Vorsitzende der Kultur in unserer Gemeinde isch und die Tochter Jeanette, wo sich nicht hat nehme lasse, aus weiter Ferne herbeizueilen, um Dir nachher ein Gedicht vorzutragen. Ferner gilt meine Begrüßung dem Hauptkommandanten unserer Freiwilligen Feuerwehr, unserem bewährten Edmund Huber, sowie den übrigen Vorsitzenden der Vereine und alle Gäschd, wo gekommen seid.
Lieber Norbert, an dieser Stelle darf ich Dir mal den Dank der Gemeinde aussprechen, dass es Dich bei und gibt. Ohne Deine selbstlose Bereitschaft, Deine zahnärztliche Kunschd unseren faulen Zähnen zu widmen, müssten wir immer in die Kreisstadt gehen, weil dort noch ein Zahnarzt isch. Das wär schlimm, weil der Kerl in der SPD isch. Ein anständiger Christenmensch legt so einem nicht seinen Krankenschein auf den Tisch. So sind wir unserem Herrgott dankbar, das wir Dich zu uns zähle dürfe.
Vom Gemeinderat darf ich Dir eine Urkunde zu Deinem runden Wiegenfeschd überreiche.
So könne wir heut ein frohes Fest begehe, zu dem ich ein gutes Gelinge wünsche darf.“

Mit seiner Rede hatte der Bürgermeister tief die Gemüter der Festgesellschaft berührt.
Der Marsch „Alte Kameraden“, dargeboten von der Trachtenkapelle begleitete unseren Bürgermeister auf dem Weg zu seinem Stuhl und Jeanette zum Rednerpult, an dem sie ein selbstverfasstes Gedicht zu Ehren ihres Vaters zum Besten gab. Mit fester Stimme trug sie vor:

„Lieber Papa,

zu Deinem runden 60. Wiegenfeste
wünsche ich Dir viel Gesundheit und auch sonst das Beste.
An deren Spitze steht das Eine,
viel Erfolg beim Sammeln von Krankenscheine.“

Brausender Applaus belohnte diese wohlgesetzten Worte. Aber Jeanette war noch nicht am Ende, Norbert bekam noch weiter sein Fett weg.

„Lieber Papa, ich wünsche Dir auch,
dass nicht noch dicker werde Dein Bauch.
Lieber Norbert ich sage Dir,
das dicke Ding kommt vom vielen Bier.
Vom vielen Besuch beim Lindenwirt Räuschle,
bekamst Du manches Räuschle
und dazu Dein dickes Bäuchle.

Auf diesem hohen Kulturniveau dichtete Jeanette noch viele Strophen weiter. Dadurch erreichte der Festsaal der „Linde“ seinen Siedepunkt. Eine wahre Strapaze für die Lachmuskeln der Gäste von Norbert, die ein ums andere Mal in stürmische Begeisterung ausbrachen, die die Zwerchfelle erschütterte. Schließlich kam Jeanette ans Ende.

„Jetzt will ich nicht mehr viel sagen,
denn es knurrt mein hungriger Magen.
Doch bald ist er sehr erbaut,
zu Papas Freude gibt’s beim Räuschle Schlachtplatt und Sauerkraut.“

Damit endete Jeanette. Zum gemütlichen Teil des Abends wurde die Ehrenstuhlreihe nach dem offiziellen Teil weggeräumt und die dort aufgereihten Honoratioren verteilten sich an die Tische, an denen ihnen ein Platz reserviert war.

Wieder hatte Irgendwo eine blühende Hochkultur erlebt.

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Samstag, 28. Juli 2012
GUNTRAMS SONNTÄGLICHES RITUAL
Es ist ein Sommertag, ein Sonntagnachmittag, wie er Jahr für Jahr mehrfach vorkommt. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel, der Friede liegt über dem Land, kein kühlendes Lüftchen und dergleichen mehr.

Guntram Schmelzer liegt auf dem Bett und – weder holt er sich einen runter, noch lässt er sich den Hintern oder sein besonders edles Körperteil von einer „Herrin“ versohlen. Solche unanständigen Dinge an einem Sommernachmittag kommen nur in gedruckter oder elektronisch verbreiteter Klitlit vor. Pfuibä. Nein Guntram, Lehrer für Geographie und Gesellschaftskunde an der Hauptschule, liegt auf einer biologisch und ökologisch korrekten Matratze aus Naturkautschuk mit dem Zertifikat aus kontrolliertem Anbau aus den Regenwälder in den Reservaten der indigenen Völker in den Regenwäldern am Amazonas. Er schläft den sonntäglichen Nachmittagsschlaf, den er redlich nach der stressigen Arbeit während der Woche mit der heutigen Jugend verdient hat. Er träumt den glücklichen Traum, dass es ihm gelungen ist, sich bei Facebook anzumelden, um mit seinen Schülern auf Augenhöhe verkehren zu können. Er hat auf der Plattform schon 7 Freunde, allerdings keine Schüler, sondern sechs Kollegen, mit denen er das pädagogische Ziel teilt und ein weibliches Wesen ohne Altersangabe, das seine Essstörungen als besonderes Interessengebiet angibt.

Guntram wacht auf. In der Küche bereitet er sich einen fair gehandelten Karmablütentee, um sich ganzheitlich zu energetisieren. Dazu isst er eine Scheibe von dem Hefezopf, den ihm seine Mama geschickt hat. Er genießt nochmals seinen Traum nach. Offenbar hat dieser ihn schwer beeindruckt. Gestärkt durch die dadurch gewonnene Erkenntnis, dass er auf dem Niveau von Facebook angekommen ist, fasst er mannhaft den Entschluss, sich einen weiteren Traum zu erfüllen: morgen wird er sich als Mitglied bei den Piraten anmelden.

Schon wieder hat die CDU einen treuen Stammwähler verloren.

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Samstag, 21. Juli 2012
Eva, meine liebe Frau, tritt ins Rampenlicht
Aus dem hochkulturellen Leben von Irgendwo

Zwei Tage nachdem sich die Planung meines epochalen Werkes „Aus dem blühenden Kulturleben von Irgendwo“ herumgesprochen hatte, da war wohl der Stammtisch etwas leck geworden, wurde ich gewahr, dass meine, in dem Dorf meiner problemlos verlaufenen Geburt in spürbaren Anfängen bestehende, Weltbekanntheit sich auszubauen begann, telefonte mich mein alter Freund Heinz. Dabei störte er mich beim Beschneiden meiner Fußnägel, ohne dadurch meiner guten Laune Abbruch zu tun.
„Tag Josef, was machst Du gerade?“
„Tag Heinz, falls Du es noch nicht gemerkt haben solltest, ich telefoniere gerade mit Dir.“
„Alter Gauner, lass Dich mal dabei nicht stören.“
„Nein, Du alter Saftsack, Du störst uns dabei überhaupt nicht. Also Heinz, raus mit der Sprache, was führst Du im Schilde, das die hohen Gebühren der Telekom wert ist?“
„Josef, wie immer habe ich eine glänzende Idee.“
„Heinz, Du kommst doch nicht schon wieder mit der alten Nummer von Idee, mich zu fragen, ob es sinnvoll ist, mit Deiner Frau, bevor sie ans Kochen geht, zu vögeln?“
„Nein Josef, Du altes Ferkel, ich dachte bei meiner glänzenden Idee an Deine liebe Frau …“
„Aber Heinz, Du alte Drecksau, das musst Du beichten!“
„Nein Josef, meine Idee befasst sich nicht mit den süßen Kirschen in Nachbars Garten,
sondern mit einem Auftritt von historischer Dimension. Du sollst dringend in Deinem zu schreibenden epochalen Werk Deine liebe Eva einführen.“
Spätestens an dieser Stelle müsste es auch dem hinterletzten Leser gedämmert haben, dass Heinz dermaßen bescheuert ist, dass ihm noch nicht einmal ich eine Kanne Wasser reichen kann. In der ausnehmend eleganten gepflegten Sprache, die gelegentlich an mir gerühmt wird, wies ich Heinz unmissverständlich in die Schranken seiner Unterschichtigkeit bei der Verwendung der heiligen Sprache von Goethe und dem anderen beinahe ebenso bekannten.
„Heinz, mein alter Freund, einen Scheißdreck werde ich tun“, sendete ich ihm als aufklärende Information per ISDN in sein Gehörorgan, „meine Eva, die mich über alles liebt, kann man doch nicht einführen …“
„… aber Josef, warum …“
„… warum nur, warum? Warum ist die Banane krumm? Weil meine liebe Frau kein fiebersenkendes Zäpfchen ist. Darum.“
Das saß. Ich hörte Heinz am anderen Ende der Leitung stundenlang nach Luft ringen. In einer Atempause stöhnte er mit letzter Kraft zwei an mich gerichtete Worte:
„Josef … Kalauer …“
Diese, gegen meine Menschenwürde, die nicht veräußerlich ist, gerichtete Beleidigung, konnte ich, bei allem mir zur Verfügung stehenden Wohlwollen für einen alten Freund, nicht unerwidert im Raum stehen und dort ungesühnt auf mir sitzen lassen. Ich gab Heinz den Todesstoß. In dem schwer männlichen Tonfall von John Wayne coolte ich mit bedeutender Betonung einige wenige Worte in die Leitung.
„Du … bist … ein … Deutschlehrer in der Mädchenrealschule.“
Meine unheimlich stark entwickelte Empathie verspürte in diesem Moment mit aller wünschenswerten Deutlichkeit, wie Heinz ob dieses vernichtenden Urteils in die Knie ging.
„Josef“, stöhnte er noch mit versagender Stimme, „nenn mich von mir aus Kastrat oder Päderast, aber Deutschleh …“
Ich hörte noch, wie sein Körper Hautkontakt mit dem Fußboden aufnahm. Ich betete, in der Kurzfassung, ein Vaterunser für die schwarze Seele von Heinz, dann beschloss ich, ihn wieder aufzurichten.
„Heinz, mein alter Freund, hörst Du mich?“ sprach ich ihn sehr einfühlsam an.
„Josef, da muss ich durch. Ich rapple mich gerade auf.“ Diese Härte eines deutschen Mannes hätte einen Schwächeren als mich zu Tränen gerührt. Ich fuhr jedoch in dem von mir eingeschlagenen aufbauenden Tonfall fort. „Mach Dich auf die Socken, mein starker Junge, höre und befolge meinen väterlichen Rat. Nimm alle Kraft zusammen und gehe in die Küche.“
„Das Reich meiner Frau, der in manchen Schlachten bewährten Kunigunde soll ich betreten? Ich glaube, Du hast Deinen Verstand verloren. Na ja, dieser sehr übersichtliche Verlust hält sich in engen Grenzen.“
Natürlich verbot es mir mein edler Charakter mich von dieser schwachsinnigen Pöbelei aus dem Konzept bringen zu lassen.
„Heinz, ich meine es doch nur gut mit Dir. Nicht das ausgedehnte Reich Deiner stattlichen Kunigunde sollst Du betreten. Nur ‚Guten Tag, mein Schatz’ sagen, wie sich das für einen gut erzogenen Jungen gehört, dann gehst Du zu Deiner Spielecke, dem Kühlfach rechts oben im Kühlschrank. Dort findest Du, wie Du es gewohnt bist, drei Dosen Beck’s …“

Kurz und gut, in dem weiteren, die aufgewühlten Sinne besänftigenden Informationsaustausch beschlossen wir, uns um 17.30 Uhr in der „Linde“ zu unserem täglichen Dämmerschoppen zu treffen, um die Erlebnisse des Tages nach männlicher Art Auge in Auge aufzuarbeiten. Um diese uralte Sitte der Beseitigung von Meinungsverschiedenheiten zu ermöglichen, wurde in Irgendwo schon 1423 die „Linde“, in der Dorfmitte als Schmuckstück der Gemeinde gelegen, erstmals urkundlich erwähnt. Seither gehört bei uns das Männerritual des täglichen Dämmerschoppens ebenso zum ehernen Bestand unserer sakrosankten Traditionen, wie die vom Anbeginn der Zeiten an über die Generationen hinweg mittelschwer bekloppten Herren Hochwürden.

Nebenbei bemerkt, für unsere Frauen, die uns Männer sehr lieb haben – einige moderne unter ihnen können sogar einigermaßen schreiben und lesen –, gibt es in Irgendwo keine „Linde“. Sie wäre auch so überflüssig wie der Beichtstuhl in unserer Pfarrkirche, wenn die Bewohner beiderlei Geschlechts unserer unbeschreiblichen Gemeinde nicht 2-3 mal in der Woche nicht Unkeusches allein oder mit anderen begehen würden, was sie allerdings nur ausnahmsweise im Gehen tun. Seit alters her sind unsere Mäuschen nach guter Vätersitte so erzogen, dass ihnen der Begriff „Meinungsverschiedenheit“ ein Buch mit 7 Siegeln ist, weil sie es im Traum nicht wagen würden, ihren Männern Widerworte zu geben.
In meinem bisher langen Leben habe ich nur eine Ausnahme – sie war sehr schön – erlebt. Dies vorweg, damit mir die Pointe nicht entfällt, denn ich muss berichten, dass das folgende Vorgehen ich in Irgendwo der Vorreiter der damals noch in den Kinderschuhen steckenden Kultur der Promiskuität wurde. Die Ausnahme ließ sich mit dem bezaubernden Namen Jessica anreden und die Geschichte versüßte mir einen gelungenen Sommertag im Jahre 1969 im tiefen Forst zwischen Irgendwo und Ober-Irgendwo. Es war an jenem Tag so warm, dass Jessica nicht fürchten musste, sich auf dem Moospolster eine Blasenentzündung zu holen. Das Vorspiel lasse ich jetzt mal weg, die übliche Herumfummelei an den bekannten Stellen des Körpers, ich enthülle gleich den Kern der Sache. Da Jessica mit allem einverstanden war und kundig mitarbeitete, kamen wir zügig voran. Als ich durch eine missionarisch gestaltete Aktivität den I-Punkt auf ihren G-Punkt setzen wollte, - gab sie mir trotz der beträchtlichen Arbeitsgeräusche deutlich vernehmbare Widerworte.
„Josef“, stöhnte sie in die Tiefen des Forstes, „nicht so dämlich, ich will reiten!“ Brünstig stieß sie diese Worte aus ihrer vollen Kehle hervor und stieg auf meinen, nach der Art der spanischen Hofreitschule levadierten Hengst. Großzügig und tolerant wie ich schon damals war, wollte ich Jessica an diesem wunderschönen Sommertag die gute Laune nicht verderben. Tapfer arbeitete ich die mir zugewiesenen Aufgaben zur spürbaren Zufriedenheit von Jessica ab.
Eigentlich zählen die Widerworte von Jessica nicht richtig, denn sie war keine Einheimische von Irgendwo. Ihr Urgroßvater mütterlicherseits war seinerzeit von Ober-Irgendwo eingewandert.

Bevor ich es vergesse, vom Dämmerschoppen in der „Linde“ ist noch zu berichten, dass ich mich kurz vor der Polizeistunde mit meinem alten Kumpel Heinz dahin einigte, dass ich meine Eva, die mich sehr liebt, in dieser Folge meines epochalen Werkes zwar nicht einführe, sie aber mit ihrer Befruchtung des hochkulturellen Lebens von Irgendwo vorstelle.

Immer wenn ich einen meiner Füße oder beide auf die Eingangsstufen der „Linde“ setze, stelle ich mit der Hilfe meines weit überdurchschnittlichen entwickelten Sensoriums fest, dass in diesem öffentlichen Haus mächtig etwas los ist; meistens ist es der Pulsschlag des wahren Lebens meines Heimatdorfes, der sich in dem ehrwürdigen Gebäude seine Bahn bricht. So war es auch am letzten Samstag, als in unserer unbeschreiblich putzigen Gemeinde die edlere Teilpopulation der Bevölkerung zum Nebenzimmer der „Linde“ strebte. Der Grund der Bewegungsfreude der upperclassigen Männer in Begleitung ihrer plapperklassigen Frauen kann, ohne der Scham wegen zu erröten, genannt werden: es spielte sich an jenem Ort ein Kulturereignis ab, bei dem Eva, meine liebe Frau, genauer gesagt, ihr künstlerisches Schaffen, das sie als Ausnahmetalent bereits vor ihrer Menopause entdeckt hatte, im Focus des Geschehens stand und von der Heimatzeitung am Montag mit dem gebührenden tiefen Respekt und großem Lob, das die höchsten Töne zur Anwendung brachte, begeistert gefeiert wurde. In derselben Machart, in der die Weltpresse das 750. von Paris Hilton durchgeschlafene Promibett stürmisch feiert, stellte die Heimatzeitung das ungewöhnliche Ausnahmetalent meiner Eva heraus. Darüber war ich sehr stolz. Eva aber rief mit Entsetzen in der Stimme nach einem neuen Kleidchen, da sie auf dem Bild in der Zeitung in dem „alten Fetzen“, wie sie ihr Festtagsgewand von H+M nannte, wie eine Vogelscheuche aussähe. Nun will ich nicht länger im Enigmatischen verweilen, obwohl das ein von hochrangigen Kollegen von Weltgeltung oft gebrauchtes Modul der Textgestaltung ist: meine Eva, die mich ganz lieb hat, wie sie mir regelmäßig gelegentlich unserer regelmäßigen Bumserei ins Ohr flüstert, Eva, diese köstliche Perle im reich besetzten Halsband, an dem der ansehnlichere Teil der Frauen von Irgendwo aufgereiht ist – ich bin der festen Überzeugung, soeben eine sehr bild- sowie aussagekräftige Metapher kreiert zu haben – hatte im Zeitraum zwischen dem nahenden späten Sommer und dem mit den oft beschriebenen Stürmen heraufziehendem Frühherbst letzten Jahres ihre Neigung zur Äußerung von hochkulturellen Lebenszeichen entdeckt. Unser unbeschreibliches Irgendwo lag zu jener Zeit noch ganz im Dunstkreis des Banns der jährlichen Festdarbietung des Bauernschwanks „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof und vor allem der Ausstellung der in Yvonnes Kreativwerkstatt geschaffenen Werke in französischer Manier im Spritzenhaus der Freiwilligen Feuerwehr, die, wie ein mächtiger Tsunami den Sandstrand die Küste eines südasiatischen Bumsparadieses, die Wände der zur Festhalle umgestalteten Unterkunft für die Fahrzeuge der Feuerwehr mit einem rätselhaften Hauch von Feng Shui durchströmt hatten. Als Folge dieser Atmosphäre ergab sich das, was Eva letzten Samstag im Nebenzimmer der altehrwürdigen „Linde“ zum Besten gab, als ihre Ausstellung mit der Vernissage eröffnet wurde.
Tout Irgendwo war sauber gewaschen und ordentlich gekämmt zu Evas Ehren gekommen. Unser langjähriger Bürgermeister, der auch seine Gattin dabei hatte, begrüßte und bedankte die wo gekommen waren in seiner doppelten Eigenschaft als langjähriger Bürgermeister und kürzlich ernannter Kulturbeauftragter. In seiner, stellenweise in fast in fehlerfreiem Hochdeutsch gehaltenen, Festansprache betonte er nachdrücklich, dass dies auch nach der bevorstehenden Wahl unverändert fortbestehen solle. Die Hochwürden Herr Pfarrer hatte den Weg zum Beweihwassern gescheut. Hinter vorgehaltener Hand wurde vermutet, eine, auf die Einzelausstellung von Eva neidische, Schnalle aus Yvonnes Kreativwerkstatt habe der Hochwürden Herrn Pfarrer im Beichtstuhl das Gerücht gestreut, Eva wolle in ihrer Ausstellung etwas nackisch Unkeusches zuerst performanzen und anschließend vor aller Augen an die Wand des Nebenzimmers in der Linde hängen. Ich will nichts gesagt haben, aber wahrscheinlich war es ganz sicher die Johanna vom Schneider Erwin, sie soll ja mit dem Pfarrer … Na ja, Sachen gibt’s. So musste Eva ihr Debüt ohne Segen der Kirche ihr Debüt geben. Davon wurde sie nicht krank.
Im Verlauf der Feierlichkeit wurde der Öffentlichkeit als Performanze eine, von Eva mit eigener Hand erschaffene, Installation zum Thema „Müll“ zugänglich gemacht. Diese erläuterte der Redner der Vernissage, mein alter Freund Norbert, der Zahnarzt von Irgendwo. Er füllte diese Rolle begeistert mit seinem profunden Fachwissen. Als Experte für Füllungen konnte er aus seinem reichen Schatz von Erfahrungen etliche Gedanken den Versammelten vorlegen, hatte er doch, wie kein anderer in Irgendwo, von der Pike auf gelernt, wie man Schrott durch eine kunstvolle Behandlung wieder zur vollen Kautauglichkeit verhilft und dadurch reichlichen Segen als Kontoeingang verbuchen kann.
„Genau so, verehrte künstlerisch hochmögende Bürgerinnen und Bürger, die Ihr Euch hier festlich versammelt habt“, führte Norbert im ersten Drittel seiner aufrüttelnden Rede aus, „genau so verhält es sich, wenn Evas zarte Meisterhände den Müll von Irgendwo als Kunstwerk mit ungeheuerer Ausdrucks- und Strahlkraft herrichtet und in den Adelsstand des Erhabenen zum Schlüsselwerk unseres Seins manifestiert.“ Da muss man ganz neidlos zugeben, der Bursche kanns.
In den verbliebenen 12 Minuten bis zum Schlussapplaus vertiefte Norbert das von ihm angeschnittene Thema. Dann hatten die der Hochkultur unserer Zeit engstens verpflichtete Elite die existentielle Symptomatik, die dem Müll in unserer Zeit der Globalisierung zukommt, die in einer Installation mit ihrer expressiven Gestik dem Zug unserer hektischen Zeit ihren demaskierenden Stempel aufdrückt und stupenden Ausdruck verleiht, in ihrem zutiefsten Verstehen verinnerlicht und fest verankert. Spätestens beim Zuhören dieser Gedankengänge anlässlich der von Eva bewerkstelligten 1873sten Müllausschüttung der letzten drei Jahre in deutschen Kulturstätten wurde klar, dass es auch in unserer putzigen Gemeinde sehr viel Müll gibt.
Nach der offiziellen Eröffnung des langjährigen Bürgermeisters sowie Kulturreferenten und den vertiefenden Worten meines alten Freundes Norbert zwischen den auf dem Boden des Nebenzimmers der „Linde“ arrangierten Sonderstücken, von denen noch die Rede sein wird, sowie den Inhalten von 3 Mülltonnen der 65-Literklasse, gab es im inoffiziellen Teil Fingerfood und Prosecco. Dieser Brauch hatte sich entwickelt, seit Irgendwo an die Spitze der Hochkultur in Deutschland aufgestiegen war. Früher wurden bei den Feierlichkeiten belegte Brote und Freibier angeboten. So ändern sich die Zeiten. Unverändert geblieben ist der Brauch, im inoffiziellen Teil einen lebhaften Gedankenaustausch zwischen den anwesenden Kulturbeflissenen über das Kleidchen der Frau Bürgermeister, die neueste Nummer von Boris Becker und die letzte Sendung von Stefan Raab zu bewerkstelligen. Im inoffiziellen Teil der Hochkultur feiert der deutsche Humor Triumphe. Kein Mensch, der noch alle Gartenzwerge im Vorgarten stehen hat, kann die Wahrheit ernsthaft bestreiten, dass die Installateure die Seinsverfasstheit unserer postindustriellen Gesellschaft, ihr Da-Sein sowohl als ihr So-Sein tiefgründend reflektieren und deren Verborgenes an die Oberfläche der Frage: „Warum-muss-das-Sein?“ vordringen lassen.

Müll, der als Kunst installiert wird, ist Kunst, die Müll ist.

Ihre Bestimmung zur gehobenen Installateurin war Eva, die mich meistens liebt, voll bewusst geworden, als starke Einflüsse aus der sozialen und materiellen Umwelt ihre weitere Entwicklung prägten. Von einer dieser kolossal wichtigen Traumatisierungen wird jetzt die Rede sein.
Als neulich der Siphon in unserem Badezimmer verstopft war, rief meine Frau einen Installateur zu Hilfe. Sie ließ natürlich bei dem Installateur von Ober-Irgendwo 3x das Telefon klingeln, natürlich, denn der Installateur von Irgendwo ist bei uns im Dorf ein Aussätziger. Er ist evangelisch. Der von Ober-Irgendwo kam nach 5 Tagen, machte zuerst eine Frühstückspause, während der er das Becken meiner Frau eingehend und den Siphon flüchtig in Augenschein nahm. „Gnädige Frau“, sprach er stullenkauend kundenfreundlich, „Ihr Becken bringe ich gleich wieder in Ordnung.“ Dann machte er sich ans Werk, setzte auch einen neuen Siphon an die Stelle des alten. Den alten, mit meinen seifenverklebten Bartstoppeln versifften, nahm er kundenfreundlich mit. Am Abend, als ich müde vom Stammtisch in der „Linde“ heimkehrte, fragte ich Eva, ob sie mit dem Handwerker zufrieden war.
„Sehr“, antwortete sie mit leuchtenden Augen, „er arbeitete fleißig und sehr professionell. Sogar die Zuleitung hat er gründlich durchgeputzt.“
„Erzähl mir Näheres, Schatz, hatte der Katholische aus Ober-Irgendwo besondere Handgriffe drauf?“
„Geh ins Bad und schau Dir den Siphon an“, raunzte Eva in ungewohnt pampigem Ton, „und lass mich in Ruhe die Kochshow auf Pro 7 angucken.“
Verstehe einer die Frauen. Da erkundigt sich ein müde heimkehrender Ehemann nach der von der Ehefrau erledigten Sorge um das Haus, da wird er dumm angemacht.
3 Wochen später fuhr ich mit meiner Eva nach Ober-Irgendwo weil sie dort einen neuen Reißverschluss für ihre Jeans kaufen wollte, der alte hatte seinen Geist aufgegeben. Der Krämer von Irgendwo führt diesen Artikel nicht im Sortiment, da er sehr selten nachgefragt wird. Wir Männer von Irgendwo sind noch von echtem Schrot und Korn, unsere prachtvolle Männlichkeit bergen wir nach der hehren Tradition unserer Väter hinter Hosenknöpfen. Das gehört sich einfach. Man kann doch nicht alles hinterfragen. Wir staunten nicht schlecht, als wir am Schaufenster des Optikers vorbeischlenderten. In der Auslage entdeckten unsere staunenden Augen neben den diversen Brillenfassungen unseren kaputten Siphon, drapiert auf einem handgemadeten Häkeldeckchen. An einer Seitenwand des Schaufensters pinnte ein Blatt DIN A 4, auf dem unter künstlerisch gestalteter Verwendung von gut einem Dutzend Schriftarten von Word die verehrte Kundschaft davon in Kenntnis gesetzt wurde, dass der Huber Jakob, Installateurmeister in 4. Generation, noch drei weitere Installationen, das Stück zum Schnäppchenpreis von 1.250,- €, zu dem Generalthema „Was unsere Gesellschaft in ihrer Substanz erschüttert“, im Innenraum auf den Fußboden gestellt habe. Da wurden uns die Augen geöffnet, wir wussten bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass seifenverklebte Bartstoppeln soviel Unheil in der Welt anrichten können. Wie gut, dass es Installateure und ihre Installationen gibt, die uns das Unheil auch noch teuer verkaufen. So bewährt sich die Marktwirtschaft, die aus Scheiße Gold machen kann. Tief in Gedanken versunken fuhr ich mit Eva zu unserem weitgehend schuldenfreien Eigenheim. Ich ahnte, freilich noch in unscharfen Konturen, dass mit dem Erlebnis im Schaufenster des Optikers von Ober-Irgendwo das Fundament für den Quantensprung gelegt wurde, der in Evas weiterem Entwicklungsprozess die Reife einer weit aus der Masse herausragenden Künstlerpersönlichkeit bewirken würde.
Am späteren Abend, es war just beim ersten Drittel der 2. Bottel Chianti classico, gestand mir Eva mit träumerischem Augenaufschlag – ein Markenzeichen von ihr, das mich gelegentlich dazu verführt, von ihrem Anblick hingerissen zu sein – ganz im Vertrauen, „aber erzähl am Stammtisch in der „Linde“ noch niemand davon“, dass sie in Ober-Irgendwo irgendwie eine Vision gehabt habe, zur Installateurin berufen zu sein.
„Schatz, Du hast Mut, das muss ich schon sagen. Ich bin sehr stolz auf Dich. 2,5 Jahre Lehrling und weitere 3 Jahre bis zur Meisterprüfung, das alles nur, um bei anderen Leuten einen kaputten Siphon auszutauschen. Hut ab.“
„Nee Du Döskopp“, Eva lächelte mich entwaffnend charmant an und kraulte mir sanft die Nackenhaare, das tut sie immer, wenn sie etwas sehr Schönes vorhat, „ das geht bei mir innerhalb von wenigen Wochen.“ Eva erhob sich, breitete die Arme aus und verdrehte die Augen in Richtung Himmel. „Josef, mein innig geliebter Mann, halte Dich fest, ich beschreite von diesem historischen Moment an den Weg zur Künstlerin!“

Aus unserer Heimatzeitung, die über das viele Geschehen in und rings um Irgendwo sehr gute Artikel schreibt, las mir bald nach diesem denkmalwürdigen Tag Eva beim Frühstück die Ankündigung einer modernen Kunst in Unter-Irgendwo vor. Die Unter-Irgendwoer sind ganz schlimme Leute; sogar fünf, manche sprechen sogar von sechs, Schwule soll es sogar dort geben. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: zum Bürgermeister hat es noch keiner von diesen warmen Brüdern gebracht. Eva las mit interessiertem Tonfall laut vor sich hin, die in Unter-Irgendwo bekannte Schlachter Christel werde im Flur vor der Gewerbeaufsichtsabteilung des Rathauses eine performanzte Installation mit dem Titel „Mit staunenden Augen“ darbieten. Der Eintritt betrage nur 4,80 € je erwachsene Person, Rentner und sonstige Behinderte die Hälfte. Nachdem Eva und ich in letzter Zeit an dem Thema „Arbeit von Installateuren“ Blut geleckt hatten, fuhren wir in die Fremde nach Unter-Irgendwo. In der Dorfmitte fanden wir ein Gebäudeensemble aus Pfarrkirche, einem „Ochsen“ und dem Rathaus. Wir betraten Letzteres und entrichteten 9,60 €, eine Ausgabe, die sich für mich, wie ich bald feststellen durfte, gelohnt hatte. Dieses Thema schnitt ich bei meiner Eva nicht an, aus einem Grund, der einsichtig vorlag, aber nicht begriffen werden durfte.
Im Flur vor der Abteilung Gewerbeaufsicht performanzte die Schlachter Christel, mit unseren offenen Augen sahen wir sie ganz nackisch auf dem Parkettlaminatboden liegen.



Zwischen ihren Beinen war das aus dem Anhang zur Straßenverkehrsordnung bekannte Schild: „Spielstraße für Kinder, verkehrsberuhigte Zone“ installiert. Da wurde in Unter-Irgendwo auf paradigmatische Weise der Fortschritt unserer Gesellschaft beeindruckend installiert und dokumentiert; wo Kinder herumspielen darf es nicht zu unruhigem Verkehr kommen. Installateure machen uns solches zutiefst bewusst, mit der Folge, dass mir die Einzelheiten der Schlachter Christel unauslöschlicher Bestandteil meines historischen Gedächtnisses wurden. Rembrandt hat in seinen berühmtesten Werken nur sich selbst abgebildet. Picasso und Tizian eine Menge nackter Frauen. Velasquez die Herrscher und ihre Begatterinnen. Doch kein Künstler bis in unsere Zeit hinein hat so tief wie die Performanzerin aus Unter-Irgendwo – selbstverständlich denke ich an dieser Stelle auch an den Huber Jakob von Ober-irgendwo – das Wesen unserer vergänglichen Zeit aus ganzheitlicher Sicht und den Zustand unserer gesamten Gesellschaft als solche sinnfällig erfasst und gestaltet -, diese Errungenschaft blieb den heutigen Installateuren vorbehalten. Vielleicht noch der Spanier Dali, bei dem gehen auch die Uhren ganz anders. Damit wollte er mit der Bildgewalt der Sprache des Surrealismus zum Ausdruck bringen, dass die Künstler unseres Zeitalters nicht richtig ticken.

Ich stand noch ganz im Bann des in Gedanken versunkenen Anblicks der Installation auf dem Parkettlaminat des Rathauses in Unter-Irgendwo, als ich am Abend, ein fröhliches Lied auf den Lippen, einen spanischen Roten der besseren Klasse und zwei edle Kristallgläser auf die Häkeldeckchen unseres im Gelsenkirchener Barock gehaltenen Couchtisch stellte und meiner lieben Eva vorschlug, den Abend dazu zu benutzen, Pläne für ihr erstes öffentliches in-Erscheinung-Treten als künstlerische Installateurin zu schmieden.
„Schatz“, Eva schaute mich in der Weise an, dass ich gewiss sein konnte, eine der Stunden, in denen sie mich liebt, sei mal wieder gekommen, „das kann aber bis zu den Spätnachrichten …“
„Liebling, das habe ich auch gedacht, ich habe vorsorglich eine 2. Flasche dekantiert. Der edle Stoff braucht Sauerstoff.“
Für einen stimmungsvollen Abend war vorgesorgt, es konnte losgehen. Die üblichen Präliminarien lagen bald hinter uns.
„Mein herziges Dackelchen“, Eva läutete in der von ihr gewohnten gepflegten Art unsere partnerschaftlich ausgeprägte Kommunikation ein, „an was hast Du denn so gedacht, wie ich mich erstmals als Künstlerin der Öffentlichkeit von Irgendwo präsentieren soll?“
„Liebling, mir geht diese Schlachter Christel nicht aus dem Kopf!“
„Josef!“ so muss eine Furie sich präsentieren, wenn sie losgelassen wird, „Josef, diese blöde Kuh mit ihren Hängetitten, so groß wie die Wassermelonen, die die Edeka vom Hannes letzte Woche im Sonderangebot hatte! Schon die ganze Zeit in Unter-Irgendwo hast Du hingestiert, Du wolltest die rothaarige Gans rammeln, an sonst hast Du nichts gedacht!“
„Eva, bewahre bitte die Ruhe und Deinen klaren Verstand. Natürlich wirst Du mit Deiner bescheidenen Körbchengröße, die nur zwei feste Äpfelchen zu bergen hat, der Öffentlichkeit ein viel ästhetischeres Bild vor die Augen legen, wenn Du die Installation der Sch …, ich meine des Rathauses von Unter-Irgendwo nachstellst.“
„Josef, ich folge Deinem Vorschlag nicht.“ Eva sprach mit gefasster Stimme. Sie hatte sich sichtlich beruhigt, da ich nicht mehr von der Christel, sondern von dem Rathaus sprach. „Du kennst doch meine empfindlichen Knochen, auf dem Boden liege ich eindeutig zu hart.“
Diese Form der Argumentation erregte mein Wohlgefallen. Mit ihr hatte Eva in der näheren Umgebung des Couchtischs eine Atmosphäre verbreitet, in der ein sachorientierter Austausch von Argumenten zwischen Partnern auf gleicher Augenhöhe möglich ist.
„Mein Mäuschen, wenn ich Dein Argument auf Herz und Nieren prüfe, … ich habe Dir einen Vorschlag zu unterbreiten, wie Du von den von Dir prognostizierten Schmerzen verschont bleiben wirst. Wir betten Dich während der Installation auf das alte Sofa, das oben auf dem Speicher unnütz herumsteht.“
„O Du mein kleines Klugscheißerchen! Dir hat wohl eine Blaumeise ins Gehirn gekackt. Wie soll denn das aussehen? Ein Bild des Jammers werde ich bieten!“
„Meine Göttliche, glänzen wirst Du wie das Kreuz des Südens am nächtlichen Firmament, das seinen Bogen über die unendliche Weite der afrikanischen Savanne spannt. Gönne mir einen Augenblick, Du Trösterin meiner schlaflosen Nächte. Siehe, ich eile zu meinem Arbeitszimmer, um mit meinen Händen das Material herbei zu tragen, mit dem ich mit lockerer Hand zu Deinem besseren Verstehen das Szenario Deines Auftritts auf ein Stück Papier zu werfen gedenke.“
In partnerschaftlicher Übereinstimmung mit meinem einsetzenden Bewegungsablauf erhob sich Eva, meine liebe Ehefrau.
„Ich hole derweil den Nachschub aus der Küche. Wir sind heute wieder super drauf.“
Ich begab mich eilenden Schrittes in mein Arbeitszimmer, sammelte meine Farbstifte und einen Skizzenblock und begab mich hoch motiviert wieder zum ehelichen Couchtisch. Eva war mit dem dekantierten Stoff zurück. Er besaß den verführerischen Körperreichtum und den langen Abgang seines Vorgängers, wie wir bei der ersten Verkostung feststellten. Während Eva es sich bei bedächtig genossenen 2-3 Schluck wohl sein ließ, ließ ich meinem kreativen Schaffen freien Lauf. (siehe Abb. 1, „Eva auf dem Sofa liegend“).



Stolz wie ein Kuttenbrunzer im weißen Festtagskleidchen mit reichlichem Spitzenbesatz reichte ich Eva mein vollendetes Werk zur Kenntnisnahme. Selbstverständlich erwartete ich hohes Lob und einen Kuss der außerehelichen Sorte. Stattdessen hagelte es knüppeldick auf mich nieder.
„Josef! Du perverses Ferkel!“ schrillte es so laut, dass es bis zu unseren übernächsten Nachbarn deutlich zu vernehmen war, so schätzte ich die von Eva erreichte Phonzahl ein, „man sieht doch a l l e s !“
Der Art der Gestaltung dieser Äußerung entnahm ich, dass sich meine liebe Ehefrau in diesem Moment ganz auf die rechte Gehirnhälfte kapriziert hatte. Jetzt nur kein Öl ins Feuer gießen, befahl mir meine linke Gehirnhälfte. Dem gehorchend nahm ich einen langen Schluck vom Spanier, um Eva wieder zu Atem kommen zu lassen.
„Eva, Du mein süßer Wonneproppen“, sprach ich mit sanften Worten, „o je, danke, Du hast mich darauf gebracht, ich hätte nie an so was gedacht. Ich bin zerknirscht. Bitte, gehe in die Küche und stelle uns zwei Pizzen in die Mikrowelle. Derweil sinne ich auf die Lösung Deines Problems.“
Eva ging. Mir kam eine Idee. Eva kam wieder.
„Evamäuschen“, brach es mir aus meinem Herzen heraus, noch ehe Eva die Pizzen servieren konnte. „mir kam soeben eine glänzende Idee. Ich erinnere mich an das Verkehrsschild gemäß Anlage zur StVO, das zwischen den Beinen … ich meine, das auf dem Boden des Rathauses von Irgendwo stand. Wenn wir dieses Schild bei Deiner Installation geschickt platzieren, wird es den Blick der Männer von Deinem interessantesten Teil ablenken. Schau, so habe ich mir das vorgestellt.“ Geschickt ergänzte ich meine Skizze und reichte sie Eva. (siehe Abb. 2, Eva und die StVO“)



Eva verfiel in vernehmbar unruhiges Atmen.
„Josef, mein unschuldiger Bengel“, hauchte sie, „glaubst Du, dass sich die anderen Männer bei der Verwendung ihrer Blicke von einem Schild gemäß Anhang zur StVO leiten lassen?“
Ich zündete einen Lolly an und schob ihn in den rechten Mundwinkel, stylte den Blick meiner grauen Augen mit einem sehsuchtsgefüllten Flor und näherte mich dem Antlitz von Eva auf minimale Intimdistanz.
„Liebes, ich schau Dir in die Augen“, raunte ich bogartmäßig, „ich will Dir die Wahrheit verkünden, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. … … Die Dummheit der Männer kann man nicht groß genug einschätzen.“
Scheinbar hatte Eva die Kröte geschluckt, denn sie wandte sich mit hungrigen Augen ihrer Pizza zu. Während sie bedächtig genießend kaute, betrachtete sie lange meine meisterliche Skizze. Ganz ruhig stand sie auf,
„Du blöder Heini“, sprach sie jede Silbe betonend mit tiefer Verachtung in der Stimme und warf mir die Pizza an den Kopf, „glaubst Du, für eine blöde Installation würde ich mich wie Deine Schlachter Christel in Unter-Irgendwo bis auf einen kleinen Restposten der Erinnerungskultur rasieren?“ Sprachs, verließ den ehelichen Couchtisch und ging zu Bett. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen in den Schoß und blieb dort liegen. Wie konnte ich nur von allen guten Geistern verlassen werden? Ich, der heiße Fan von Evas wild wuchernder, bisher ungezähmter Lusthecke an meinem Lieblingsspielplatz wollte ihren Vorhang vor dem Opferaltar der Venus bis auf ein symbolisches Fleckchen zerstören! Ich war Opfer des in der modernen Kunstwelt grassierenden schwachsinnigen Minimalismus geworden.
Tief zerknirscht kauerte ich mich in den Sessel und weinte bitterlich.
Beim ausgedehnten Frühstück am nächsten Morgen stellten wir, ohne viele Worte darüber zu verlieren, den erfreulichen Befund fest, dass die Sofa-Krise unserer Ehe Schnee von gestern war. Als in der Nacht der Vorrat meiner bitteren Tränen erschöpft war, und ich – eine Folge der Nachtabsenkung unserer Ölzentralheizung – in meinem Sessel zu frieren begann, hatte ich mich zu unserer nächtlichen Spielwiese begeben. Eva lag mit geöffneten Augen, geschmückt mit einigen Tränen live, süß dekorativ leidend an ihrem Stammplatz und schaute mich fragend an. Ich verstand, nickte und bestätigte ihr, dass ich ihr ein neues Kleidchen kaufen werde, damit sie bei ihrer Installation etwas zum Anziehen habe. Das versetzte Eva in jene Stimmung, in der es mir angeraten schien, ausführlich die in Irgendwo seit Generationen zur ehernen Tradition zählende Pflege des geschlechtlichen Brauchtums zu vollziehen. Eva war so gut drauf, dass ich ihr zur Abrundung der abendlichen Genüsse auch noch ein paar neue Schuhe als Zugabe spendierte.

In den nächsten Wochen trug Eva allerhand gebrauchte Gegenstände in unseren Räumen zusammen, um sie im Rahmen ihrer Installation zu einer Assohmblasche zu verarbeiten. Als sie einmal unseren Speicher gründlich visitierte, fand sie in einer Hutschachtel aus dem Nachlass ihrer Großmutter mütterlicherseits zu ihrem Entzücken 1,80 m Strumpfbandgummi, das von kundiger Hand mit lieblichen Veilchen bestickt war. Diese Trouvaille wuchs ihr sofort ans Herz.
In ihrem Wirtschaftsraum füllte die Antiraucherin 2 Regalmeter mit Reklameaschenbechern, die sie Sepp, dem Lindenwirt, abgeluchst hatte, ich musste ihr von meinem täglichen Stammtisch – neuerdings erinnerte mich Eva ab 16.00 Uhr daran, den heutigen Termin nicht zu vergessen – originale Zigaretten- und Stumpenkippen in einem Gefrierbeutel mitbringen, um mit diesen exquisiten Fundstücken einen Tatsch Lebensnähe in ihre Installation zu bringen.
Aus dem Sammelbehälter, in dem das Rote Kreuz gebrauchte Kleider sammelt, um damit die Afrikaner von der unmenschlichen Last zu befreien, in ihren Lehmhütten auf total veralteten Webstühlen, die den deutschen Arbeitsschutzgesetzen hohnsprechen und deshalb gegen die Menschenwürde verstoßen, Billigkleidung herzustellen, klaute Eva (die gut katholisch Erzogene!) eine ansehnliche Sammlung von ausgeleierten Büstenhaltern, unter denen sich, neben den in Irgendwo gebräuchlichen großvolumigen Barockformen, auch Exemplare mit ausgefallenem Design befanden. Mein Lieblingsstück war ein schmaler Gummigurt mit zwei Affenköpfen zur Aufnahme des Füllgutes. Als ihn Eva bei einer abendlichen Beutebetrachtung am lebendigen Leibe vorführte, begriff ich auch, zu welchem Zweck die Affen die Mäuler aufsperren.
Einmal musste ich gegen die Sammelwut von Eva energisch einschreiten. Die Törichte wollte meine umfangreiche Sammlung leerer Bordeauxflaschen antasten.
„Eva, mein Herz!“, sprach ich mit einem starken Vorwurf in der Stimme, „ich beschwöre Dich, halte in Deinem ruchlosen Treiben inne und finde zurück zur Vernunft! Ich habe unter großen Anstrengungen in den zwei Kellerräumen unsere eiserne Reserve aufgebaut für den Fall, dass die FDP in der nächsten Regierung uns die sauer verdiente Rente zugunsten der Zahnärzte wegnimmt. Jede Flasche ist 5 Cent wert. Mit dem zusammengesparten Schatz können wir uns in dem erwähnten Ernstfall ein paar Jahre über Wasser halten …“
„… o mein Schatz, jetzt verstehe ich auch, warum Du einen weiteren Kellerraum bis zur Decke mit vollen Flaschen hochgestapelt hast! Wenn die FDP zum Zug kommt, in dieser kommenden Notzeit, müssen wir genügend Nachschub für den Rentenersatz der leeren Flaschen zur Hand haben, …“
„… Evamäuschen, ich könnte Dich auf der Stelle für Dein Verständnis abknutschen! …“
„… Joseferl, Du Feigling, tus doch!“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

Das echte Heileit der Installation wurde per Zufall eine Dauerleihgabe von Yvonne. Wir trafen uns zu einem der beiden jährlichen „Freundschaftstreffen mit Ehefrauen vor dem brennenden Kamin von Yvonne und Norbert. Diese Tradition hatten Norbert und ich gegründet, um unseren beiden Liebsten die Gelegenheit zu geben, ihr jeweils neues Kleidchen auszuführen. Zu später Stunde enthüllte Eva erstmals vor familienfremden Personen ihren Entschluss, künftig als Künstlerin ihr Dasein zu gestalten. Auf die intensive Nachfrage von Norbert, der ausnahmsweise zu dieser Tageszeit noch zur Bildung eines zusammenhängenden Satzes fähig war, berief mich Eva als Zeugen, der versichern könne, dass sie auch in dem Zustand, in dem sie nicht im kostbaren Besitz von reichlichem Grand Crû aus dem St. Emilion sei, ihr Potential zur begnadeten Installateurin zu verwirklichen gedenke. Yvonne fiel der neu gewonnenen Kreativschwester um den Hals, nannte mehrmals „Unsere soeben geborene weitere Kulturträgerin von Irgendwo“ und küsste sie so stürmisch ab, dass bei Eva große Fladen der Spachtelmasse abblätterten, mit der sie sich als Fassadenpanade zum Freundschaftstreffen aufgebrezelt hatte. Kaum hatte sie mit wenigen Worten ihre Auftrittsinstallation skizziert, verschwand Yvonne, kam aber nach ca. 2 Minuten an den Ort des Geschehens zurück.
„Das Ding da“, war ihrem leicht gestörten Sprachfluss zu entnehmen, hat Jeanette bei ihrem ersten Urlaub als Andenkensammlung mitgebracht. Ich tue das Ding als Dauerleihgabe für die Installation vermachen.“
Das Ding da war eine von Jeanette eigenhändig gebatikte Mumiennachbildung.
„O, ein Werk der angehenden Ägyptologin“, lobte ich.
„Auch der Inhalt!, glänzte Yvonne mit strahlenden Augen, „musste gucken tun, geliebte Kreativschwester!“
Eva packte aus. Wir zählten schließlich 124 kleine Mumien, gebrauchte Kondome, deren Inhalt zu kleinen gummibärchenartigen Gebilden geschrumpft und mumifiziert war.
„Jeanettchens Trophäen ihrer Top Ten, die sie um ihre eindrücklichsten Erfahrungen an der Uni bereicherten“, strunzte Norbert mit väterlichem Stolz.
„Aber, liebe Kulturschwester“, zögerte Eva, „Jeanette wird diesen kostbaren Schatz nicht aus Eurem schmucken Eigenheim geben wollen.“
„Evchen, kannst nehmen tun, Jeanette wegwerfen hat gesagt letzte Woche, Sammlung ist total veraltet, sie schon zwei neue Mumien zum Behälter für neue gebastelt hat.“
Eva traten viele Tränen der gerührten Dankbarkeit in die Augen.
„Ich habe schon einen Gestaltungsvorschlag!“ Yvonne war jetzt ganz in die Gedankenwelt ihrer Kreativwelt eingetaucht, „wir spannen eine Wäscheleine von Hirschgeweih zu Hirschgeweih im Nebenzimmer der Linde …“
„… und mit Wäscheklammern schmücken wir sie mit den 124 kleinen Mumien als Jagdtrophäen von Jeanette …“

Unter dem Titel MÜKULI („Müll & Kunst like Irgendwo“) fand Evas Installation, die sich dem Ambiente der „Linde“ anschmiegte, rauschenden Beifall. Um dem Ende des offiziellen Teils die Krone auf zu setzen, sang der Männerchor Liederkranz 1823 e.V., lautstark unterstützt von unserer gemischten Trachtenkapelle, die alte Volksweise „O Heimat, was bist du so schön!“ In diesem erhabenen Moment hatte sich im kollektiven Gedächtnis von Irgendwo ein hochkultureller Neuzugang tief eingegraben.

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Samstag, 14. Juli 2012
Cordula, eine schaurige Wahrheit
Als Dorothea, auf dem Scheitelpunkt ihrer Schamhaarmeditation angekommen, von einem erschütternden Yin- und Yangorgasmus ungewöhnlich stark heimgesucht wurde, erlitt Cordula, mit der sie im zweiten Monat schwanger ging, ihren ersten, ihre heranwachsende Persönlichkeit prägenden Sprung in der Schüssel. Es ist wirklich sehr schlimm mit solchen frühkindlichen Erschütterungen, die penetrante Konflikte zur Folge haben. Auch wenn es schwerfällt, man muss das verstehen, die Ergebnisse der Evolution sind manchmal voller Rätsel. Wir begreifen ja auch nicht, warum manche ältere Männer wieder einen Cowboyhut auf ihr schütter gewordenes Haar stülpen, breite Gürtel mit Nieten zur Wampenstütze benutzen und Stiefelchen mit Ziernähten tragen.
Die erlittene seelische Deformation von Cordula war derart gravierend, dass ihre Mutter Dorothea schon unmittelbar nach der Geburt wahrnahm, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmte. Das Kind nuckelte beim Stillen wie besessen an ihrer linken Brust, während sie die Nahrung aus der rechten mit von Entsetzen gezeichneten Gesichtszügen nahezu vollständig verschmähte. Die durch dieses unmenschliche Verhalten entfachten Ängste der Mutter, ihre Tochter würde keine vollwertige Grüne werden, hatte für die naturentfremdete Cordula als Folgeprodukt eine Höllenqual zur Folge: sie durchlitt eine Tortur, die sonst nur älteren Menschen und Society-Girls zuteil wird: sie wurde bei Dr. von Gestrich, einem Obsessions- und Psychosenpsychiater, auf die Couch gelegt. Klar wurde der Spezialist für Plem-Plem-Sein auch fündig, er stellte die Diagnose, unter der sich auch ein Fachmann nichts und alles vorstellen kann (einschließlich der Plem-Plemität des Psychiaters), die jedoch Dr. von Gestrich für zwei Jahre ein gediegenes Einkommen sicherte: polymorph-multisensuelle Penissehnsucht mit einer Beimischung von abeunder Amygdalaverdrehung. Wahrscheinlich genetisch bedingt. Fragen Sie mich nicht, warum der Liebe Gott so etwas zulässt, seiner Schöpfungskraft ist auch das Kardinalskollegium zu verdanken. Dies festzustellen ist an mir nicht zu kritisieren, ich kann doch nichts dafür, dass es so ist.

Auf die frühen Baby- und Jugendjahre 2-15 von Cordula will ich nicht näher eingehen. In dieser Phase des Werdens von Cordula geschah nichts Wesentliches, das die Aufmerksamkeit der Leser verdienen würde; lediglich mehrere kleine Schläge kamen über die Leidgeplagte, doch nichts so Schwerwiegendes und ihr bisheriges und künftiges Schicksal Prägendes - sowohl ontologisch als auch phänomenologisch betrachtet - wie der pränatale Sprung in der Schüssel und die Couchlage beim Obsessions- und Psychosenpsychiater.

Der diarynthische Schaden an der Waffel verstärkte aber mit zunehmender Jugend so sehr, dass es kein Wunder war, dass Cordula in der Lebensphase, in der normale Mädchen von Träumen an Ponys zum Kreischen angesichts von Bühnenhopsern und psychotischem Emotionalgesülze von Leadgirls hinüberwechseln, neben dem seelenverschattenden Leiden an dem Blütenmeer der Akne – Cordula war halt kein süßes Mädchen zum Vorzeigen -, endlosen Folgen von Soaps in den einschlägigen Medien, vor allem mehrfach das Wunder von Marienerscheinungen, begleitet von dazugehörenden Botschaften der virgo intacta, am eigenen Leib erlebte. Das brachte der Menschheit zwar keine Bereicherung ihres Erkenntnisschatzes, noch war es Ursache für die rapide Zunahme der Fettleibigkeit von Cordula, bewirkte aber eine Hochkonjunktur für die Produktion von Gipsmadonnen und eine postmoderne Blütezeit des Marienerscheinungstourismus. Ich will und darf diese Dinge nicht kommentieren. Es steht dem kleinen Menschlein nicht zu, über das, was der Schöpfer zu seiner Verehrung erdacht und erschaffen hat, zu rechten.
Allerdings hatten die obskuren Geschehnisse für Cordula auch ihre gute Seite. Während normale Menschen, die Erscheinungen haben, auf Zeit hinter dicken Mauern, die man im Volksmund ‚Klapsmühle’ nennt, verwahrt werden, wurde sie hinter dicken Mauern der Obhut der Ehrwürdigen Schwestern vom von 7 Schwertern durchbohrten Herzen Mariae anvertraut. So ward sie im Kloster eine Gleiche unter Gleichen. Bitte entbinden Sie mich von der schier unlösbaren Aufgabe, den Unterschied zwischen einer Klapsmühle und einem Nonnenkloster aufzuzeigen.

Es geschah in der schwülen Hitze eines Augusttages, die ein Gewitter ankündigte. Das verhieß nicht Gutes. Und so kam es auch. Cordula sammelte gemäß ihrer betörenden Authentizität meditierend im Garten des Klosters einen Korb mit Kräutern, die nach den Glaubenssätzen der Bingener Helga, der Mutter aller Kräuterheilerinnen, so manches Frauenleiden heilen sollten. Da erblickte sie im Feuerschein einer leuchtenden Korona eine lichte Männergestalt, gewandet in eine goldlinnene Toga und blondgelockten Hauptes. In dem Überirdischen erkannte Cordula den Erzengel Raffael. Der Erzengel kam mit schwebenden Schritten, ohne den Boden zu berühren, auf sie zu, zückte sein Flammenschwert und …

Die Ehrwürdige Küchenschwester Hildaria, die einen Bund Petersilie und ein Büschel Schnittlauch zur Würze des abendlichen Quarks ernten wollte, fand die schon ziemlich erstarrte leibliche Hülle, die Seele Cordulas war schon in den ewigen Frieden ihres Schöpfers entschwunden.

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Sonntag, 8. Juli 2012
DAS HOCHKULTURELLE WIRKEN DER YVONNE Z.
Aus dem blühenden Kulturleben von Irgendwo

Die total entspannte Kuschelatmosphäre vor einem sanften Feuer im offenen Kamin ist oft die Ursache für das Entstehen des Umstands, dass eine junge Frau über Nacht zu einem unehelichen Kind kommt. In einer, von nebensächlichen Details abgesehen, vergleichbaren Situation geschah es, dass Yvonne Z. in Irgendwo das Potential in sich entdeckte, … Halt ein! muss ich mir an dieser Stelle selbst zurufen, so geht das nicht! Nur blutige Anfänger fallen gleich zu Beginn einer Erzählung mit der Haustür in den Flur. Das war jetzt kein sehr gutes Beispiel für eine geglückte Metapher, aber es zeigt uns, dass meinem Heimatort, in dem meine problemlos verlaufene Geburt stattfand, die Kultur ein brennendes Anliegen, wenn nicht sogar sinnstiftend, ist. Das kann man mit voller Überzeugung sagen.
Das Vorstehende ist die leicht zu verstehende Erklärung meines jetzt beginnenden Verhaltens, das den von Yvonne Z. verursachten Vulkanausbruch an Hochkultur in Irgendwo in peinlich genau zeitlich geordneter Reihenfolge – darauf wollte ich hinaus, als ich die einleitenden Worte formulierte – in würdigenden Sätzen für unsere Kinder und Kindeskinder zum bleibenden Ruhm der Dorfgeschichte auf Papier zu verewigen.

Yvonne Z. wurde im Verlauf des Sommers vorletzten Jahres in eine bejammernswert frauliche Sinn- und Lebenskrise gestürzt, als ihre Tochter Jeanette nach dem Abitur das sie bis dahin behütende Elternhaus verließ, um sich beim Studium der Ägyptologie selbst zu verwirklichen. Solch ein herber Schicksalsschlag kommt auch in Irgendwo in den besten Familien, zu denen Yvonne gehört, vor. „Fast so schlimm wie lesbisch“ flüsterte der Volksmund von Irgendwo hinter vorgehaltener Hand über Jeanettes Wahl des Weges zu ihrer individualpsychologischen Persönlichkeitswerdung.
Wie der in der deutschen Kulturlandschaft fremdländisch klingende Name verrät, stammt Yvonne ursprünglich aus Frankreich. Mein Kulturfreund Norbert, der Zahnarzt von Irgendwo, fing vor einigen Jahren in seinem Sommerurlaub in der Provence zuerst damit an, mit ihr miteinander zu gehen, was sich innerhalb einer Stunde zu Formen der Begegnung ehemaliger Erbfeinde in der Weise auswuchs, dass er Yvonne als rankes und schlankes Gewächs nach Irgendwo mitbrachte, aus einem ganz banal natürlichen Grund, wenn das Miteinandergehen auch andere Körperstellungen als das miteinander gehen zeitigt, wobei der auf natürliche Weise zustande gekommene Grund im Winter in Irgendwo zu einer sichtbaren Form heranwuchs und Ende Sommer letzten Jahres unter dem Namen Jeanette das behütete Elternhaus verließ. Ich glaube, ich habe damit mit sehr einfachen Worten erklärt, dass damals Norbert und Yvonne, obwohl sie noch nicht verheiratet waren, ausgiebig mit hellem Jauchzen miteinander gevögelt haben, wie man im Volksmund sagt. Ein warmer Sommer in der Provence eignet sich gut dafür, Unkeuschheit mit anderen zu begehen.

Die tiefe Sinn- und Lebenskrise, in die Yvonne gestürzt war, und das auch noch ohne schwesterliche Begleitung durch eine trauerarbeitende Frauengruppe – in Irgendwo gibt es solchen absonderlichen Klamauk nicht, da die Frauen weitgehend normal und naturwüchsig geblieben sind -, wurde im Lauf des vorletzten Winters noch dadurch zu einem Trauma vertieft, dass ihr Frauenarzt ihr bestätigte, dass sie nunmehr die Pillen im Döschen lassen dürfe, denn sie habe die Schwelle zu jenen Jahren überschritten, die als unumkehrbares Stadium den Frauen schmerzliche Nächte beschert, weil sie ihnen nicht mehr ihre Tage bereiten. Dazu lassen sich schwerlich tröstende Worte finden. Die Männer können ja auch nicht dem Schicksal entgehen, dass manchmal ein dritter Mann zum Skat fehlt. Mein Kulturfreund Norbert ertrug die Mitteilung von diesem Ereignis mit bewundernswert stoischer Fassung. Was eigentlich nicht verwunderlich ist, hat er doch in seinem Beruf als Zahnarzt gelernt, die Schmerzen, die er anderen zufügt, ohne mit der Wimper zu zucken als naturgegeben hinzunehmen.
Die Wochen des späten Herbstes, den folgenden Winter und das Frühjahr füllte Yvonne, getrieben von innerer Unruhe, mit rastlosem wöchentlichem Jahreshausputz – diese deutsche Sitte hat die Französin ebenso verinnerlicht wie mein Kulturfreund Norbert den Genuss eines Kräftigen aus dem Médoc als Angleichung an die französischen Sitten - des schmucken, ganz im voralpinen Stil der Brunst- und Jodelarchitektur gehaltenen Eigenheimes und dem nahezu pausenlosen verschwenderischen Verzehr von Sauerbraten und Schwarzwälder Kirschtorte. Durch diese pittoreske Angewohnheit erlangte Yvonne unüberbietbar deutsches Burda-Schnitt-Format. Hinfort galt sie in Irgendwo als Musterstück angepasster Integration; sie wurde von den deutschen Frauen nicht mehr scheel angesehen, sondern als Schwester gleichberechtigt behandelt. Ohne darob zu erröten, trug Yvonne nun geblümte Blusen, die als Darüberhänger designt waren. Statt Körbchen suchten nun belastbare Körbe aus formstabilisierendem Doppelstrech ihre, ein Cinemascope-Format gewonnene Oberweite im Zaum zu halten. Im Sommer und Herbst war es dann soweit: Yvonne legte sich jeden Donnerstagnachmittag auf die Couch des Psychiaters in der nahen Kreisstadt. Wie zu erwarten war, vertiefte diese Verzweiflungstat der Ratlosigkeit die Entzugserscheinungen in ihrem multikausalen Neurosedesaster bis zu der pathologischen Erscheinung, dass sie beinahe genau so bescheuert wie ein Psychiater zu sprechen begann, wobei sie von einem verräterischen Zucken ihres rechten Ohrläppchens begleitet wurde. Es wurde höchste Zeit, meine beratende Lebenserfahrung in das schicksaldurchwirkte Geschehen einzubringen.

Am ersten Advent – der frühwinterliche Himmel hatte mit seiner typischen Sterneszier die unerforschliche Weite und Tiefe des Kosmos geschmückt - hatten wir im schmucken Eigenheim von Norbert und Yvonne, im Anschluss an ein von Yvonne liebevoll zubereitetes Sauerbratengericht, das als Dessert von Schwarzwälder Kirschtorte gekrönt wurde, eine von köstlicher Freundschaft geprägte Krisensitzung, die sich im zweiten Drittel zum Problemlösungsgespräch auswuchs. Ruhig brannte das erste Kerzlein am Adventskranz vor sich hin. Im offenen Kamin verbreiteten die trockenen Birkenscheite mit ihren züngelnden Flammen jene nachdenklich entspannte Feierabendstimmung, die schon in der Mitte der 2. Bouteille des sorgfältig dekantierten Grand Crû aus dem St. Emilion die Zungen löste.
„Josef“, sprach Norbert mich mitleidheischend an, „so kann es mit der tiefen Sinn- und Lebenskrise, in die mein Franzosenmäuschen gestürzt ist, nicht weitergehen. Unser Haus blitzt und blinkt vom Keller bis zum Dachstuhl klinisch rein, unsere Reinsträume sind unauslöschlisch vom Duft nach Sagrotan durchwallt, ma chère Petite braucht ein neues Betätigungsfeld. Josef, guter Freund, Du bist doch, wie seit eh und je, sicher nicht um einen guten Rat verlegen. Aber mach ihn nicht zu teuer, ich habe die neue Praxiseinrichtung noch nicht abbezahlt.“
„Mon cher ami Josef“, plapperte mit ihrer süßen Flötenstimme Yvonne, während ich bei einem sorgfältig gekauten Schluck einige wohlüberlegte Worte erwog, „meine Friseurin hat gesagt, in meinem Alter muss eine Frau ein neues Ich finden, um es wirklich selbst zu verwirklichen. Aber wo soll ich in Irgendwo dieses neue Ich suchen?“
Jetzt war ich an der Reihe. Mannhaft stellte ich mich der Herausforderung. „Liebe Freunde“, hub ich an, „wenn ich euer Problem sorgfältig von allen Seiten beleuchte, deucht es mir ein lösbares zu sein.“ Ich legte eine Kunstpause ein, um der Wucht meiner Worte die ihr gebührende Bedeutung zukommen zu lassen. Ich nahm auch die ersten, von Hoffnung gefüllten dankbaren Augenblicke entgegen. Dann fuhr ich fort, nicht ohne zuvor, begleitet von meiner Kennermine, eine gute Portion Grand Crû genossen zu haben. „ Unser Yvonnchen stammt doch aus Frankreich. Die dortige Population weist bekanntlich, soweit ich das in Erinnerung habe, doch seit langer Zeit, neben üppigen Angeboten für freudenreiche Urlaubsvergnügungen, eine sehr große Menge von weltbekannten Künstlern auf. Ich denke an diesen Picasso oder den … den … äh, den, wo immer diesen Berg in der Provence … gleich fällt mir wieder der Name ein, er liegt mir schon auf der Zunge, wie man so sagt, also, das wollte ich euch als guten Rat zu wissen geben, jedenfalls hat unsere liebe Yvonne als typische Französin sicher ein kulturelles Erbe im Blut liegen. Jetzt, da sich ihr Augenstern Jeanettchen außer Haus begeben hat, um sich an der Universität frei zu machen, kann sie – mit geringem Kostenaufwand, mein lieber Norbert – dieses Potential in sich als neues Ich nach der Menopause entdecken. Wenn unsere Yvonne dann im Frühling einen Kurs bei der VHS für die Frauen von Irgendwo, die vom gleichen Schicksalsschlag getroffen sind, leitet, kann sie sich hübsche Visitenkarten mit dem Titel „Dozentin“ drucken lassen. So kann sie sich als schwarz auf weiß anerkannte Künstlerin selbst verwirklichen und zudem ihr seelisches Gleichgewicht nach den neuesten Forschungsergebnissen aus Amerika durch ein schwungvolles balancing finden. Und das tolle an dieser Idee: das kulturelle Leben in Irgendwo wird dank Yvonne eine neues Blüte erleben. Unser langjährige Bürgermeister wird im Sommer, anlässlich der festlichen Aufführung unseres Bauernschwankes im Spritzenhaus, dem jährlichen Höhepunkt der gesellschaftlichen Ereignisse in unserer weltkulturerblichen Dorfgemeinschaft, Yvonne mit ehrenden Worten begrüßen und bedanken.“
Es bedarf keiner näheren Begründung, dass Norbert, ohne die Augen zu verdrehen, unmittelbar nachdem er diese gereifte Lebensweisheit vernommen hatte, ausgelöst durch einen von beglückender Dankbarkeit überschäumenden Geistesblitz, die Spendierhosen anzog und den Göttern noch eine Grand Crû aus dem St. Emilion als Dankopfer für meinen lebensklugen Rat opferte, sodass sich der Rest des Abends noch lange dahin zog. Kühn entwarfen wir erste Gedankenskizzen und Planungen, die Irgendwo, dank des französischen Einflusses von Yvonne, an die Speerspitze der deutschen Hochkultur befördern würden. Norbert entnahm seinem Büromateriallager einen neuen Leitzordner mit 10-er Register und beschriftete ihn. Yvonne bestellte zum Freudenfest drei Pizza „stagione“ beim Italiener mit Partyservice in Ober-Irgendwo und ich zeigte mich weiterhin von meiner besten Seite. Damit war bestens dafür gesorgt, dass es hoch herging.
Yvonne war in ihrem sprudelnden Ideenreichtum kaum zu bremsen. Allerdings verirrte sie sich zu später Stunde in eine Sackgasse, sie vernarrte sich in die idiotische Idee, „Batiken mit Yvonne, wir basteln Lampenschirme für Salzlampen“ als Eröffnungskurs als Dozentin. Ich wendete eine List an, um sie zu überzeugen, dass diese Idee grandioser Mist war, indem ich sie an das kulturelle Erbe in ihren Genen erinnerte.
„Ma chère Yvonne“, schmeichelte ich in der charmantesten Art der mir zur Verfügung stehenden Sprechweisen, „Deine Idee ist doch blöder Quatsch. Gut, den Einwand von Norbert, Deine kreative Idee verursache zu hohe Kosten für die benötigte elektrische Energie, kann ich diesen Schwachsinn locker vom Tisch wischen.“
In diesem Moment stand Norbert auf, einerseits, um sein verstehendes Grinsen über den blühenden Blödsinn meiner Überzeugungsstrategie zu verbergen, hauptsächlich jedoch, um in der Küche eine kalt gestellte „Veuve Cliquot“ aus dem Eis des Kühlschranks zu erlösen, aus dem Keller Nachschub zu Tage zu fördern und ihn ins Kühlfach zu betten. Ich schwieg, um ihn von seiner glänzenden Idee nicht abzubringen. Als er die Tür hinter sich zugezogen hatte fuhr ich fort.
„Der Norbert soll Zähne ziehen, sich jedoch aus der Kreativität heraushalten, von ihr versteht ein Zahnarzt nichts. Er braucht doch nur den Erlös einer halben Prothese als hochherzige Spende auf den Tisch des Hauses blättern, schon kannst Du, ohne auf die Folgen der Energiekosten achten zu müssen, Deine Kursteilnehmerinnen Lampenschirme für Salzlampen basteln lassen.“
„Mon cher Josef“, hauchte Yvonne und gab mir einen richtigen Kuss, der bei mir eine typische Reaktion meines männlichsten Organs auslöste, indes die schon vorgerückte Stunde die Zeit im Nu verrinnen ließ. Von der saftigen Wohltat ließ sie erst ab, als sie Norbert nahen hörte. Unter uns Hochkreativen von Irgendwo hatte sich der Brauch, den ich soeben in Andeutungen geschildert habe, schon verbreitet und bewährt, noch bevor sich der erste Potentialschub von Yvonne unter dem Adventskranz ereignete. Uns Irgendwoer liegt das hochkulturelle Verhalten halt im Blut und gegen die Macht der Gene soll man sich nicht wehren.
„Aber weshalb ich Dir davon abraten will, Yvonne, ich meine das Batiken …“
Norbert hatte wieder die Szene betreten, ohne sich das zufriedene Grinsen seines Franzosenmäuschens erklären zu können als er maulte: „Yvchen, in meiner Abwesenheit hättest Du schon mal die Gläser holen können.“
„… liebe Yvonne“, überspielte ich die kleine eheliche Meinungsverschiedenheit über die angemessene Behandlung eines Gastes bei Abwesenheit des Hausherrn, „sei Dir doch mit allen Fasern von Leib und Seele bewusst, dass Du Französin bist. Daher hast Du ein Alleinstellungsmerkmal, einen USP (unique selling position sagen die Fachleute) im Wettbewerb der hochkulturellen Veranstaltungen von Irgendwo. Diese Karte musst Du voll ausspielen. Ich rege an, Du lernst wieder ein bisschen französische Dialekt in Deine Deutsch zu mische und, mon Dieu, dann Du spiele Deine volle Charme in eine Kurs. Mir fällt als Titel Deines historischen ersten Auftritts ein, bei „Selbstverwirklichen in Yvonnes Kreativwerkstatt beim Aquarellieren nach französischer Manier und Feng Shui“ können die Frauen von Irgendwo trefflich ihr neues Ich finden.
„Mon Dieu Josef, was sein Du heute wieder so kreative. Malen ich in französische Gene habe, aber was bitte Feng Shusi sein?“
„Ma Belle, Feng Shui ist etwas aus dem Fernen Osten, ich habe gelesen, ohne diese Zutat läuft in der Szene der Hochkultur von Frauen jenseits der Menopause in Deutschland nichts.“

Die, von den Wonnen, die von ungetrübter Vorfreude auf ein von unendlichem Glück erfüllten Lebens getragenen Feinplanungen zu Yvonnes Projekt, das Irgendwo in die Königsklasse der wahrhaften Eliten katapultieren würde, nahmen noch vor dem Ende des scheidenden Jahres einen verheißungsvollen Beginn. Yvonne schien – abgesehen von ihrem statuarisch verharrenden äußeren Erscheinungsbild – auf Kumuluswolken losgelassener Fröhlichkeit bei ihren Einkaufswegen zwischen Metzger und Konditor zu lustwandeln. Bis obenhin zu ihren, von beginnender Spleiße gezeichneten Haarspitzen war ihr Verhalten von einer bemerkenswerten Leichtigkeit des Seins geprägt, als ob es auf der Welt keine Zahnschmerzen gäbe und die heutige Jugend noch das sei, was sie einmal war. Gestützt auf seine akribisch geführte Patientenkartei und dank seiner, die Intimdistanz deutlich unterschreitenden engen Bekanntschaft mit seinen Patienten in Griffweite, eine Angewohnheit, die zu den Eigentümlichkeiten des zahnärztlichen Berufs gehört wie das weiße Sonntagskleidchen mit reichlichem Spitzenbesatz zum Hochwürden Bischof, konnte Norbert in einer kleinen Serie von vorweihnachtlichen Telefonaten alle 12 ZugehörInnen von Irgendwos Teilpopulation der problemzonenbehafteten Frauen gemäß den Kriterien von Yvonnes Zielgruppe bewegen, das kreative Potential zur französischen Malweise nach Feng Shui in sich zu entdecken; jene fraulich voll erblühten Jahrgänge entschlossen sich auch mit am Telefon freudig erregter Stimme, ihre dann gefundene Entdeckung, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, in Yvonnes Kreativwerkstatt gleichzeitig mit ihrem neuen Ich zu verwirklichen. Auf diese, nur den Laien in atemloses Staunen versetzende Weise, füllte sich das Leben von 12 Bewohnerinnen meines über alles geliebten Geburtsortes, an denen die Zeit, nicht ohne Spuren zu hinterlassen, vorübergegangen war, wieder mit Sinn. Sigmund Freud hatte sich einst sicher einen Vorgang dieser Art entschieden anders vorgestellt, als er Vater der Psychoanalyse wurde, doch, wie man sieht, auch Freuds Träume sind nicht mehr ganz frisch.
Es war für das luzide Vorhaben von Yvonne ein günstiger Zeitpunkt. Als sehnlichen Herzenswunsch wünschten sich die 12 „Kulturträgerinnen“, wie sie sich unter Verwendung gen Himmel verdrehter Augen und leicht vibrierender Stimme, als ob es sich um eine erotische Delikatesse handle, bald auf dem Kulturparkett von Irgendwo nennen sollten, zu Weihnachten von ihren Gatten und sonstigen Lieben, nebst einer durchbrochenen Bluse in changchierendem Elfenbein, wie es gerade zeitlose Mode war, mit Brosche im Stil des Dritte-Welt-Touristenkitsches, eine mittelgroße Sammlung von Schminke-Aquarellkästen, ein breites Sortiment Aquarellpapier von Schoeller in allen Größen und Oberflächenbeschaffenheiten, natürlich Pinsel aus den Schwanzhaaren von sibirischen Kolinsky-Rotmardern in allen Größen und Formen, sowie eine Staffelei von der standfesten Sorte, wie sie uns aus den Abbildungen der Ateliers großer Künstler ein vertrautes Bild ist. So waren die Kulturträgerinnen bestens ausgestattet, um im Neuen Jahr neuerdings kreativ zu werden.

Noch waren die Männer und vereinzelt Frauen, die modernen, die Männer in sequentieller Monogamie zum Geschlechtsverkehr nur zuließen, wenn sie zuvor zum Sitzpinkler konvertierten, von der Begrüßung des Neuen Jahres noch nicht ganz nüchtern, als das Projekt in schwere See geriet. Eigentlich hätte man weise vorausblickend damit rechnen müssen. Im übertragenen Sinn hagelte es Blitz und Donner als die Kultur in die Hände der Politik fiel. Wir müssen uns mit der grausamen Lebenserfahrung abfinden, dass ein solcher Vorgang noch nie zum Fortschritt und Glück der Menschheit beigetragen hat. Da müssen wir durch, wenn wir Realisten bleiben wollen. Und Irgendwo traf die schlimmste aller denkbaren Varianten, der Super-GAU: die Grünen bekamen Wind von Yvonnes Projekt. Flugs setzten sie sich zusammen, um, der Natur ihres Gründungsmythos und ihrer phantastischen Philosophie entsprechend, einen Grund, um dagegen zu sein, zu finden und aufrüttelnde Proteste zu veranstalten. In mehreren, im gruppendynamischen Stil gehaltenen Workshops – die Teilnehmerinnen und Teilnehmer saßen auf bunten Decken aus der Dritten Welt im Kreis auf dem Boden und hielten sich mit bewundernswerter Ausdauer gegenseitig an den Händen, wobei sie die Tagesordnung abarbeiteten – öffneten sie sich, tauschten sich aus und brachten sich voll ein. Die in 4 Doppelspitzen gegliederten 8 Mitglieder, unter ihnen quotengerecht 4 Frauen, wurden gleichzeitig von Frauen und Männern moderiert. In derart basisdemokratisch gestylten Prozessen erarbeiteten sie einen umfassenden Forderungskatalog. Dieser enthielt zwei Punkte. Zum einen wurde Irgendwo zur genfreien Republik erklärt, in der die Verwendung von mit menschlichen Genen gemischten, die Mutter Erde zum Weinen zwingenden, Aquarellfarben geächtet wurde. Die Forderung hört sich für einen normalen Menschen total bekloppt an. Ganz objektiv betrachtet ist sie es auch. So sind sie halt, die Grünen.
In einem 2. Punkt gaben sich die Grünen auf das Niveau der FDP gesunken. Sie forderten die Ernennung ihrer ältesten MitgliedIn Cäcilia zur neu zu schaffenden Stelle einer Kulturbeauftragten von Irgendwo. Eigentlich sollte die Forderung aufs Außenministerium in Irgendwo lauten. In einer Sternstunde der Geschichte setzte sich jedoch der einzige Realo mit seiner Meinung durch, dass der Außenminister in Berlin sein Büro habe. Zu den Preußen wollte Cäcilia nicht ziehen weil die noch nie in Afghanistan zum Weinen waren, und außerdem „im Frühjahr schlagen die doch die Robbenbabys tot“. Mit dieser Bemerkung beendete sie alle Zweifel an der Berechtigung ihrer Kandidatur zur Kulturbeauftragten und an ihrem Verzicht auf das Außenministerium. Mit solchem Verhalten unterscheiden sich die Grünen, bei gleichem Niveau, von der FDP. Insgeheim verfolgten die Grünen mit dieser Taktik eines trojanischen Pferdes die Absicht, von einem offiziellen Podium aus erstmals in ihrer Geschichte in Irgendwo etwas Sinnvolles von sich zu geben, eine Utopie, die schon damals ein tot geborenes Kind war. So hinterfotzig sind die Grünen.
An einem Samstag, an dem das Nahen der ersten Boten des Frühlings zu spüren war, ohne dass diese bereits ein blaues Band durch die Lüfte flattern ließen, stellten die Grünen bei einem freiwilligen Arbeitseinsatz einen Tapeziertisch vor den Supermarkt auf der Grünen Wiese vor den Toren von Irgendwo. Auf ihn, den Tisch, stellten sie einen mittelgroßen Eimer (ca. 8 Liter Fassungsvermögen) mit Erde aus Gorleben und eine Fahne der Freien Republik Wendland. An diese war ein Jugendbildnis der nackten Cäcilia im dortigen Antiatombaumhüttendorf geheftet; auf ihm war sehr deutlich erkennbar, dass die Arme schon damals Hängebrüste hatte. Man soll die Wahrheit nicht immer an das Tageslicht bringen wollen, das kann man aus dieser Begebenheit, die einen bleibenden Eindruck bei den Betrachtern hinterließ, lernen. Hinter dem Tapeziertisch platzierten die Antibekenner zwei handgemalte Pappen mit ihren Forderungen. 2 Paar gemischtgeschlechtliche Doppelspitzen vertraten sich durch Hin- und Hergehen vor dem Tapeziertisch die Beine samt den Füßen. Sie erklärten mit Bekennermienen den Besuchern des Supermarktes – einmal, sie machten gerade eine Zigarettenpause, warf ein altes Mütterlein, die Schreiner Theres, die dem Herrgott, als sie noch jünger war, 6 Kinder geschenkt hatte, eine Eineuromünze in den Eimer, sie glaubte, Adveniat sammle wieder für die hungrigen Kinder in der Sahelzone, auf deren geschundener Erde keine genfreien bunten Blumen wachsen – dies sei eine Demonstration, die bis 14.00 Uhr dauere. Bis dahin sei man in einen solidarischen Hungerstreik eingetreten. Man kann über alles streiten; außer die Grünen.

Am Sonntag ging es nach dem Hochamt bei Hochwürden Herrn Pfarrer beim Frühschoppen am Stammtisch der CDU in der „Linde“ im Schatten der Pfarrkirche in der Dorfmitte, bei dem seit Menschengedenken die Weichen der Politik für Irgendwo gestellt werden, hoch her. Mit unserem langjährigen Bürgermeister als im Amt fest verwurzeltem Vorsitzenden des Vereins an der Spitze wurden erregte und klare Worte ungeschminkt ausgesprochen und den Grünen im Klartext Bescheid gestoßen. „Da könnte jeder kommen!“ warf wutentbrannt Eduard, der Vorarbeiter beim gemeindeeigenen Bauhof in 3. Generation, ein nach alter Vätersitte bewährtes Argument in die Runde. Mit dieser kühnen Metapher erntete er verständnisvolles Kopfnicken, zustimmende Blicke und ein von der ganzen Mannschaft am Stammtisch einhellig in den Raum gerufenes „Prost!“. Als er den Höhepunkt erreichte, donnerte unser langjähriger Bürgermeister mit der Stentorstimme, die man von ihm kennt: „Männer, wir werden es halten wie unsere Väter in bewährter Weise seit Generationen …“
„Jawoll!“ übertönte es aus aller Munde weithin hörbar das Klirren der anstoßenden Gläser.
„… wie es schon in der Bibel steht und der entschlossene Wille unserer christlichen Partei ist, du sollst Vater und Mutti in Ehren halten. So ist es schon immer bei uns Tradition, dass die Kultur allein Sache des Bürgermeisters ist. Und ich sage Euch, etwas anderes ist mit mir nicht zu machen. Es gibt nur eine Amtskette, um die kulturellen Ereignisse, wo in Irgendwo stattfinden, zu begrüßen, zu bedanken und nach 25 Jahren zu beurkunden. Diese schwere Bürde trage ich.“
Das Jubeln der geschlossenen Parteimitglieder wollte kein Ende nehmen.
Nach zähem Ringen, das 12 Minuten in Anspruch nahm, beschloss in der folgenden Woche der Gemeinderat gemäß dem Antrag der CDU-Fraktion.

Der große Tag für die Kultur der Gemeinde Irgendwo kam mit der Eröffnung des Kurses „Selbstverwirklichen in Yvonnes Kreativwerkstatt beim Aquarellieren nach französischer Manier und Feng Shui“. Am Dienstagnachmittag nach den Osterferien umarmten sich die gewichtigen Kulturträgerinnen nach französischer Manier unter Abgabe von Küsschen links, Küsschen rechts. Sie stellten die in großen Ledertaschen geborgenen Malutensilien auf die Tische und wurden ruhig, denn es ging los. Das alles ereignete sich im Umkleideraum für Mädchen in der Turnhalle der Hauptschule von Irgendwo, die die Gemeinde den kulturellen Anlässen zur Verfügung stellt, da sie diese fördert. Unser langjähriger Bürgermeister hatte es sich nicht nehmen lassen, mit der Amtskette zu kommen, begrüßte und bedankte alle wo gekommen waren. In einer kurzen Ansprache, die sehr bewegend war, wie die Heimatzeitung am nächsten Tag berichtete, versicherte er einmal mehr, dass die Beschäftigung älterer Frauen ein unverzichtbarer Bestandteil der Kultur von Irgendwo sei. Dann übergab er das Wort an Hochwürden Herrn Pfarrer, wo er auch begrüßen konnte. Der erklärte, dass er den weiten Weg nicht gescheut habe, und klärte mit seiner gesalbten Stimme sehr weihevoll darüber auf, dass der Liebe Gott, unser aller Herr, auf dass sich das Wort der Heiligen Schrift erfülle, mitten unter den anwesenden kreativen Gotteskindern sei, denn es seien mehr als die Mindestzahl von 3 Personen in den Umkleideraum der Turnhalle gekommen. Er beweihräucherte und beweihwasserte ausgiebig den Raum. Dann ging er, genauer gesagt, er wurde vom Bürgermeister im Auto zum Dämmerschoppen in der „Linde“ mitgenommen. Dagegen kann man nichts einwenden.
Endlich waren die Kreativen unter sich. Yvonne öffnete, erleichtert von der beendeten Ergriffenheit, die ersten Flaschen der Batterie „Veuve Cliquot“, die Norbert gespendet hatte. Dabei griff ihr Mathilde unter die Arme. Diese Hochherzigkeit wurde allgemein als schwesterlich so lieb und von echter Mitmenschlichkeit getragen gelobt, wobei einigen der Damen auch Tränen der schwesterlichen Rührung in die Augen traten. Yvonne setzte die 5. Flasche in Umlauf als die gegenseitige Vertrautheit soweit fortgeschritten war, dass sie die wichtigsten Fragen der Kreativwerkstatt zur Diskussion stellen konnte. Schon nach geschätzten 18 Minuten war Gerda, die mitarbeitende Ehefrau des Metzgers, zur Kassenwartin gewählt, da sie sich in Gelddingen gut auskennt. Ihr oblag ab sofort in Eigenverantwortung die Aufgabe, eine Kaffeekasse einzurichten, Kaffee einzukaufen und die dadurch fällig werdenden Beiträge zu kassieren. Komplizierter war die Festlegung der Reihenfolge, in der jeweils zwei Frauen zwei Kuchen zu den wöchentlichen Sessionen backen und mitbringen sollten. Nach intensiver Diskussion war Klarheit geschaffen, dass es je ein Kuchen vom Typ Sahnetorte und ein Boden mit frischen Früchten der Saison sein solle, dieser aber ohne Sahne. Zum Abschluss der ersten Arbeitssitzung erzielte man noch Einigkeit zu dem regelungsbedürftigen Punkt, dass zur Feier von Geburtstagen kalte Platten und „ein Gläschen Sekt“ gereicht werden dürfen, jedoch – wegen der Kalorien – keine warmen Speisen. Als Spitzlicht des Abends überraschte Yvonne die Künstlerschwestern mit der freudigen Mitteilung, dass sie im Internet einen Versandhändler gefunden habe, der schwarze Künstlerkleidung in den erforderlichen Übergrößen im Angebot habe. Das war die Initialzündung dafür, dass kurze Zeit später das Erscheinungsbild meiner Heimatgemeinde von sehr markanten Damen ganz in Schwarz und rotem Schal eine hochkulturelle Prägung erhielt.
Kurz vor Pfingsten waren die Kulturträgerinnen in der Kreativwerkstatt bei Kaffee und Kuchen mit den Krankheitsgeschichten der letzten 10 Jahre aller 13 in der Kreativwerkstatt vertretenen Sippen soweit vertraut geworden, dass es Yvonne wagte, daran zu erinnern, dass man auch nach französischer Manier aquarellieren wolle. Trotz der ganz und gar künstlerischen Atmosphäre, die seit geraumer Zeit das Zusammensein der Kulturträgerinnen füllte, war leise Opposition im Umkleideraum zu vernehmen.
„Och meine Liebe, muss diese Neuerung sein?“ schmollte die Lehrergattin Helene Schneider, „es war doch so gemütlich als wir uns so innig mit uns beschäftigten.“
Yvonne merkte, dass Helene den anderen einen Wunsch aus dem Herzen gelesen hatte. Da brachte sie ein unschlagbares Argument ins Gespräch.
„Wenn wir künftig in jeder Session 30 Minuten malen, wird mein Norbert seine Beziehungen spielen lassen, damit wir bei der hochsommerlichen Darbietung von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ unsere Werke in einer Ausstellung an eine Wand im Spritzenhaus hängen dürfen“.
Ausstellung. Wie elektrisiert von dem Zauberwort, des einzigen Ziels ihrer künftigen Existenz als wahre Künstlerinnen, bekamen die Kulturträgerinnen umgehend rote Wangen und Tränen in die Augen. „Was ziehe ich an?“ „Kommt das Fernsehen?“ „Wer schreibt den Pressebericht?“ „Sind 2.300,- € zu wenig für ein Bild mit Feng Shui?“ die Fragen nahmen kein Ende. Erst sehr spät am Abend kamen die Frauen nach Hause.

Und tatsächlich, wie vom Sturm getrieben entwickelten sich schlagartig die bis dahin im Verborgenen verbliebenen künstlerischen Potentiale der Frauen von Irgendwo, bei denen die Menopause in ihr Leben eingetreten war. Durch das Spritzenhaus brauste wie Donnerhall ein wundersamer Duft von Feng Shui, als Yvonne und die in ihrer Kreativwerkstatt Selbstverwirklichten ihre kostbar gerahmten Werke an die Wand dübelten. Es hatte sich noch rechtzeitig vor der Aufführung des Bauernschwanks „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ gefügt, dass die kreativen Kulturträgerinnen, infolge der Erzielung markanter Fortschritte, es vermocht hatten, die Farben ihrer Schminke-Aquarellkästen, unter Zuhilfenahme von Wasser und Pinseln, gefertigt aus den Schweifhaaren sibirischer Kolinsky-Rotmarder, so auf Aquarellpapier von Schoeller zu verteilen, dass sie ihre Werke mit Titeln wie „Frühlingsgruß von Tulpen“ oder „Erinnerung an die Toskana“ schmücken konnten. Dazu bedurfte es beim Betrachten der Werke reichlich wohlwollender Phantasie, wie die Heimatzeitung, die voll des Lobes war, in einer Rezension zum Ausdruck brachte. Kein Problem für die hochkulturellen Bewohner von Irgendwo. Hatte sich doch im Dorf herumgesprochen, dass die Kulturträgerinnen in der Kreativwerkstatt die französische Manier auf teure Malgründe setzten. Deshalb war ihre Kunst auf leicht verrätseltem Weltniveau von erlesener Virtuosität; gleichsam ein sprühender Funkenregen von berauschenden Farbklängen in enger Seelenverwandtschaft von tiefer Intensität.

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Samstag, 23. Juni 2012
Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof
LIEBE UND LEID AUF EINEM DEUTSCHEN BAUERNHOF

Auch wenn es sich, gleich dem legendären Fußpilz meines Onkels Matthias, noch nicht unauslöschlich in das in mehreren Fachbüchern – in einigen von ihnen mit durchaus leicht verständlichen Worten – beschriebene kollektive Gedächtnis der Menschheit in goldenen Majuskeln der elefantenrüsselgeschmückten gothischstämmigen Fraktur eingemeißelt hat, selbst wenn die UNESCO, bestochen durch ein, seit seiner vor längerer Zeit in einem Heiligen Buch erfolgten schriftlichen Schilderung als verderblich bekanntes, sehr säuerliche Folgen auslösendes, Linsengericht, die heiligste ihrer Pflichten vergessend, die Augen davor verschließend, das den Fortschritt des angebrochenen Jahrtausends markierende Phänomen noch nicht mit der gebotenen Feierlichkeit zum Weltkulturerbe proklamiert hat, an der galaktisch das Erdenrund überstrahlenden Existenz eines – gleich dem Penisbruch von Dieter Bohlen - wahrhaft historischen Ereignisses ist nicht zu rütteln: Irgendwo, meine zwischen Ober-Irgendwo und Unter-Irgendwo abseits der lärmenden Welt an den beiden Ufern eines Bachs gelegene Heimat, ist auf dem sensationell besten Weg, zu einer glänzenden Hochburg in dem durch das Ozonloch bis auf den schlammigen Boden eingetrübten Meer der deutschen Mittelmäßigkeit empor zu steigen. Wie der Fels in der Brandung und der, von emotionaler Verinnerlichung beleuchteten Augen zum Himmel gerichtete Anbetung von F.J.S. in den die Hinterzimmer bevölkernden Führungszirkel der CSU, erklimmt die Weihestätte meiner normal verlaufenen Geburt in gewaltigen Schüben die zyklopischen Stufen zum Licht der sternenflammenden Erhabenheit der kleinbürgerlich gewirkten Ansprache unseres langjährigen Bürgermeisters in der schon fast sakralen Atmosphäre des sommerlichen, vom Bierdunst geschwängerten Festzeltes auf dem vom vibrierenden Leben gefüllten Marktplatz unserer unbeschreiblichen Gemeinde. Nein, wir von den süßen Früchten der Musen reichlich überhäuften Menschenkinder von Irgendwo, haben keinen angeberisch bebauten und von Subventionen dahinvegetierenden Grünen Hügel nötig, um ohne Unterbrechung in der Heimatzeitung und dem Munde der Kundigen präsent zu sein; uns prallt der biblische Balsam und der betörende Duft üppig aus allen Ecken und Enden quellender Genitalität, von der wir Bewohner der Künstlerkolonie mit großer Begeisterung ebenso häufigen wie rauschhaften Gebrauch zu machen wissen. „Heilig halte diese Ekstasen!“ möchte ich mit den Worten des Dichters Christian Morgenstern, den auch mein Freund, der Zahnarzt von Irgendwo, im Ikea-Regal stehen hat, Tag für Tag nach dem Abendgebet dem uns mit Hochkultur segnenden Schicksal zum Lobpreis in sein Gästebuch schreiben. Damit keine seelenlähmende Depressionen auslösende Unklarheit – schon als kleiner Junge mochte ich kein gestocktes Eiweiß in der klaren Fleischbrühe – über die unbezweifelbare Berechtigung, dieser von keinem eitelgegelten Sponsor gestützten, Botschaft in die vom giftigen Neid der Nachbargemeinden erfüllte Welt gelangen und in der örtlichen Heimatzeitung ihren hasserfüllten Niederschlag finden kann, sei als mit der umwerfenden Wucht der Genesis erläuterndes Beispiel für die weltweit nachahmungsfreie, alle herkömmlichen Maßstäbe bürgerlichen Biedersinns und die anerkannten Regeln des ehrbaren Handwerks für die Pflege öffentlicher Grünanlagen sprengenden Wirk-Existenz von Irgendwo, ein gelungener Markstein in der an berichtenswerten Vorkommnissen überreich gesegneten Entwicklungsgeschichte unserer unbeschreiblichen Gemeinde hier geschildert und in beschreibenden Worten festgehalten, nämlich die mit keinem Ruhmesblatt, und sei es noch so weltbewegend wie die sagenumwobenen Brüste von Marilyn Monroe, auch nur annähernd bedeutungsangemessen zu bedeckende vorbildliche hochkulturelle Nebenbeschäftigung unserer Freiwilligen Feuerwehr. Aus voller Kehle sei das von Gottfried Bürger in den Schatz der deutschen Literatur eingeführte Lied von den braven Männern angestimmt, damit es wie Schall und Rauch durch die Lande klinge!


Im Lauf der, wie alles Irdische, der Vergänglichkeit anheimfallenden Zeit, die auch in dieser Hinsicht vor der Holzhackeobsession des letzten deutschen Kaisers – er war nicht nur der letzte, sondern auch das Allerletzte – zur Ausrottung holländischer Waldungen ihren Beginn nahm, fügten es des Schicksals waltend Mächte dem, bis zu den die in der unendlichen Ferne des Kosmos funkelnden Sternen strahlendem Glück für Jung und Alt in meinem im Sommer geraniengeschmückten Geburtsort, dass Otto Friedrich Müller, der damals – man schrieb das Jahr 1912 in die Annalen - amtierende Hauptkommandant unserer Freiwilligen Feuerwehr in einer Sternstunde einen nicht genug zu rühmenden Entschluss fasste. Dieser wackere, wegen seiner legendären Bibel- und Trinkfestigkeit weit über die Irgendwo umgebenden Wiesen und Felder hinaus bekannte und geachtete Mann, begründete dank seiner, auf seinem gewaltigen Schnurrbart gründenden Überzeugungskraft, die das seitherige Dahinscheiden von Generationen überdauernde eherne Tradition, mit seinen Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr jährlich in dem für diesen Zweck leer geräumten Spritzenhaus den vom Leben schwer gezeichneten Bauernschwank „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ zur Aufführung zu bringen. Dieses Paradestück deutschen Schenkelklopfhumors führt, fortdauernd bis zum heutigen Tag, den Zuschauern anhand von einmaligen komödiantischen Verwicklungen, die auf der Bühne zu sehen sind, eine öftere Betrunkenheit der Männer, sowie die ehelichen und außerehelichen Verwicklungen in die Liebe von zwei Ehepaaren (Hauptdarsteller), ansatzweise auch von den Nebenrollen, anschaulich vor Augen. Dieses kunterbunte Treiben, dessen Verstehen durch einige, in das Stück eingeflochtene, aber für die Zuschauer leicht zu durchschauende, Verwechslungen nicht eine Minute lang gefährdet wird, ist sehr lustig und strapaziert daher unentwegt die Lachmuskeln. Dieses, zu den ehernen, der Pflege allen kultivierten Menschen warm ans Herz gelegte, kulturelle Kennzeichen durchdringt bis heute die Hochkultur in den Medien, die nur dadurch gesteigert werden kann – das ist erst ab 21.30 Uhr unter der Auflage, dass sehr kleinteilige Verbergungstextilien die Jugend nicht gefährden, erlaubt -, dass die in den Studios wirkenden Darsteller sich der Tageskleidung entledigen. Das Stück greift völlig authentisch ins volle Leben auf dem Lande welches es in einer Folge von 5 Auftritten auf der Bühne getreulich wiedergibt. Es lässt sich deshalb guten Gewissens sagen, dass der Autor von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ mit diesen Dingen eng vertraut war. Die Schlussfolgerung lässt eine, auf den tiefen Grund gehende, Analyse des Textes zu. Jahr für Jahr brechen die im Spritzenhaus versammelten, mit ihrer Festkleidung versehenen, Bewohner von Irgendwo infolge der Lebensnähe des Bauernschwankes in orkanartige Beifallsstürme aus. Typisch für das herausragende Niveau, das am Festspielort stattfindet, ist insbesondere die turbulente Szene im 2. Auftritt. Am Anfang liegt die ungewöhnlich vollbusige - ausgestopft! Toller Regieeinfall! - Ehefrau mit dem betrunkenen Nachbarbauern in dessen blau kariert bezogenen Ehebett. Sie trägt rote Lockenwickler, denn auf der Bühne ist es Samstag. Sie ist nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet, um ihre Blöße zu bedecken. Dass der Nachbarbauer randvoll betrunken ist, merkt man auf den ersten Blick daran, dass auf dem Boden vor dem Bett neben dem Nachttopf eine fast ausgetrunkene Schnapsflasche steht. Das ist eine sehr kreative Regieüberraschung, sie deutet die Brechtsche Manier an, mit der das überwältigende Bühnenbild das Geschehen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, mit individueller Handschrift kommentiert. Im Bett des Nachbarbauern entdeckt der randvoll betrunkene - Jahr für Jahr in wechselnder Besetzung toll überzeugend vorgeführt - tumbe Bauer nicht seine ungewöhnlich vollbusige Ehefrau, als er, durch die Tür schwankend, die turbulente Szene betritt, denn er hält die Ehefrau des Nachbarn im Arm und ist voll mit ihr beschäftigt. Die gleichfalls ungewöhnlich vollbusige - ausgestopft! Toller Regieeinfall! - Ehefrau des Nachbarn ist auch von Lockenwicklern gekennzeichnet, aber, im Unterschied zur Ehefrau des Bauern, mit blauen. In diesem wichtigen Ausstattungsdetail kommt die vorsokratische Interpretation des Weltgeschehens, die der Autor des Bauernschwanks spielend im Schlaf beherrscht, sehr deutlich zum Ausdruck. Auch sie bedeckt ihre Blöße nur mit ihrer Unterwäsche. Die Ehefrau des Bauern errät jedoch sofort, was ihr Ehemann im Schilde führt, das ist nicht sehr schwer, was sollte er auch sonst mit der Ehefrau des Nachbarn in dessen Schlafzimmer anfangen? Dem tumben Ehemann vergeht sofort das Lachen, weil seine Ehefrau, wie von der Tarantel gestochen, aus dem Bett springt und ihm reinen Wein einschenkt. Sie macht ihm heftige Vorwürfe wegen seiner Untreue, die im Jahr mehrfach stattfindet. Dies führt jedes Jahr zu sehr starken Heiterkeitsausbrüchen und orkanartigen Beifallstürmen im Publikum, das in dem Bauernschwank, der mitten aus dem Leben gegriffen ist, sich selbst erkennt. Bei diesem energischen Handeln der Ehefrau sorgt das Auftreten des völlig, sowie mit Schürze und Häubchen dienstbekleideten Dienstmädchens für den, das ganze Lustspiel kennzeichnenden konsequenten Naturalismus auf der Bühne, indem es der strafenden Gattin – das ist ein dramaturgischer Höhepunkt - das Nudelholz, das sie aus der Küche herbei trägt, in die Hände spielt, damit die Ehefrau ihrem Ärger Nachdruck verleihen kann. In dieser Art geht es Schlag auf Schlag bis zum Ende des Bauernschwanks weiter, sodass der Humor fröhliche Urstände feiern kann. Solches und dergleichen mehr wird auf der Bühne und seit der Uraufführung mit nahezu unverändertem Text – es ist doch immer das gleiche Stück und die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr führen es immer auf Weltniveau auf - tags darauf in der Heimatzeitung mit bald ergreifenden, bald launischen Worten geschildert. Dieser kurze, in dürren Worten niedergelegte Abriss des überbordenden Geschehens im 2. Auftritt beweist unzweifelhaft, dass es dem Autor gelungen ist, in seiner textlichen Komposition auf Weltniveau sehr eindringlich und mit erstaunlicher Virtuosität auf der Bühne eine tief beseelte Intensität Raum greifen zu lassen, eine an die Grenzen gehende geistige Emotionalität freizusetzen und zu versprühen, wie sie außerhalb von Irgendwo allenfalls hoch pubertierende Höhere Töchter zeitigen können. Dadurch hat der Autor die Weltliteratur um ein wertvolles Stück, das ihm so schnell keiner nachmacht, bereichert.

Nur die auch in Irgendwo galoppierende Inflation, die der Erbfeind durch die Schande von Versailles verschuldete, hinderte 1924 den Gemeinderat von Irgendwo daran, der ortsansässigen Gärtnerei P. Deutschmann den Auftrag zu erteilen, zu Ehren des unter dem gleichen Datum verstorbenen Otto Friedrich Müller einen Lorbeerkranz mittlerer Größe mit goldenen Schleifen herzustellen. Infolge des dadurch bewirkten Mangels an trauernde Feierlichkeit verbreitenden Großgebinden, wurde dem Verstorbenen direkt hinter seinem Sarg aus massiver Eiche, noch vor der von tiefer Trauer gezeichneten Witwe, nur das von Otto Friedrich durch den Verlust eines Beines auf flandrischer Erde verdiente Eiserne Kreuz auf einem frisch mit schwarzem Samt bezogenen Sofakissen hinterher getragen.
Die jährliche Tradition des vor Lustigkeit schier berstenden Bauernschwanks von Irgendwo wurde bisher nur 1940 – 1944 unterbrochen. In dieser Zeitspanne führten die Frauen der Männer von der Freiwilligen Feuerwehr im zu diesem Zweck leer geräumten Spritzenhaus das deutsche Heldenepos „Der siegreiche Ritt unserer strahlenden Helden gen Osten“ auf. In diesem Stück gab es nicht so viel zu lachen wie in „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“, doch war auch diese Szenenfolge von wahrem Deutschtum reich gefüllt. Die Besetzung aller Rollen durch Frauen war kein Vorgriff auf das moderne Regietheater, denn die Frauen hopsten nicht nackisch auf der Bühne herum. Vielmehr trug an dieser Besonderheit der Umstand schuld, dass in dem genannten Zeitraum die zum soldatischen Einsatz für Führer, Volk und Vaterland fähigen Männer von Irgendwo als Helden im Feld der Ehre standen, wo einige von ihnen unter Hinterlassung junger Witwen auch verblieben, weil sie dort fielen und nicht mehr aufstanden. Das Leben hält, nicht nur auf der Bühne, Freud und Leid, die manchmal tragisch enden, auch für uns Menschen in Irgendwo bereit.

Vor zwei Jahren feierte die Bühnenkameradschaft der Freiwilligen Feuerwehr in körperlicher und geistiger Frische ihr 186jähriges Bestehen. Aus diesem festlichen Anlass kam im Spritzenhaus die folgende Tagesordnung zur Durchführung.
TO. 1 Die Trachtenkapelle, die in Irgendwo ebenso wie der Bauernschwank, hochkulturellen Charme besitzt, intonierte unter vollem Einsatz aller verfügbaren Kräfte – unter ihnen taten sich neben ihrem bewährten Dirigenten besonders die Bläser, unter denen sich seit Jahren auch junge Frauen befinden, an den Posaunen hervor – das „Badnerlied“. Diese von einem sprühenden Funkenregen von berauschenden Tonklängen durchgeistigte Darbietung fand die ungeteilte Zustimmung aller Zuhörer, einigen von ihnen traten sogar, von unerschütterlicher Vaterlandsliebe und überwältigenden Regungen ihrer Seelen ergriffene, hervorgerufene Tränen in die Augen, für die sie sich nicht schämten, weshalb sie auch, als die Trachtenkapelle mit Bravour die komplette Partitur nahezu fehlerfrei bewältigt hatte, in lautes, auf dem Höhepunkt der Lautentwicklung sogar frenetisch ausuferndes, Klatschen der Hände verfielen. So was geschieht nicht alle Tage.
TO. 2 Als sich die tobende Halle nach diesem Begeisterungssturm ziemlich beruhigt hatte und gespannt auf die nächste Attraktion wartete, wurde die Stimmung in ihr von getragen feierlichem Ernst erfüllt. Der an seiner Amtskette, die er um den Hals hängen hatte, unschwer auf einen Blick erkennbare langjährige Bürgermeister unserer unbeschreiblichen Gemeinde schritt gemessenen Schrittes zu einem kleinen Podium, das vom gemeindeeigenen Bauhof am Vortag vor der Bühne zwischen zwei Lorbeerbäumen aufgestellt worden war. Er bewältigte die hinaufführenden beiden Stufen ohne ins Stolpern zu geraten oder andere, die jetzt zum Zerreißen gespannte Stimmung unterbrechende, Zwischenfälle, dann konnte er von der erhöhten Position aus in der von ihm benutzten gewählten Sprache die Feschdrede halten. Zuerst begrüßte er alle, wo gekommen waren, namentlich an ihrer Spitze den Hochwürden Herrn Pfarrer, wo auch schon langjährig in der Gemeinde sein segenreiches Werk verrichtet, sowie, im Anschluss daran, den Gesamtkommandanten der Freiwilligen Feuerwehr samt seiner verehrten Gattin, die den Weg ins Spritzenhaus nicht gescheut hatte. Bei dieser Begrüßung versprach er, gleich auf den Gesamtkommandanten zurück zu kommen. Aber zuerst müsse er eine freudige Pflicht erfüllen, weshalb er alle Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr für ihre aufopferungsvolle Kameradschaft im Namen des vollen Herzens der Gemeinde mit lobenden Worten bedankte. Die Langjährigen, die 25 oder 40 Jahre bei der Freiwilligen Feuerwehr durch Dick und Dünn die treue Kameradschaft hielten, beurkundete unser langjähriger Bürgermeister mit einem Schriftstück aus Büttenimitat, das in einer Klarsichthülle vor widrigen Einflüssen geschützt war, und gab ihnen eine Ehrennadel, und bedankte sie nochmals – was hätte er auch sonst sagen sollen? - besonders herzlich. Dann war der Zeitpunkt gekommen, um auf dem Gesamtkommandanten zurück zu kommen. Dieser war im Lauf des vergangenen Jahres Nachfolger geworden und hatte ein schwieriges Erbe angetreten, weil sein verdienstvoller Vorgänger nach langer und schwerer, mit großer Geduld ertragener Krankheit, plötzlich und unerwartet von uns dahingeschieden und uns in die ewige Heimat vorausgegangen war. Auf Aufforderung unseres langjährigen Bürgermeisters hin standen alle Anwesenden von den Holzbänken auf, um dem schmerzlichen Verlust ein ehrendes Gedenken zu bewahren. In Irgendwo gehört dieses altehrwürdige Ritual eines gewachsenen Anstands seit unseren Vorfahren zu den in Ehren gehaltenen Traditionen, bevor die Aufführung des Bauernschwanks als kultureller Höhepunkt des Jahres naht.

3. Vor dem Tagesordnungspunkt 4., bei dem, nachdem das Podium und die beiden Lorbeerbäume aus dem Spritzenhaus entfernt worden waren, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Darbietung von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof erfolgte, berichtete unser langjähriger Bürgermeister von dem freudigen Ereignis, das zu verkünden er die große Freude und Ehre habe. Strahlenden Angesichts erläuterte er den nach zähem Ringen nahezu einstimmig gefassten Beschluss des Gemeinderates, 25,50 € aus dem Vermögens- in den Verwaltungshaushalt zu überführen, und für diese Summe 12 neue Glühbirnen für die Ausstattung der Bühne im Spritzenhaus anzuschaffen. „Schon im vorletzten Jahr, liebe Gemeinde“, rief er mit erhobener Stimme sehr laut die Worte in das bis auf den letzten Platz besetzte Spritzenhaus, „haben wir nach langjährigen Vorbereitungen den historisch zu nennenden Beschluss gefasst, die Fremden, wo wegen ihres Urlaubs in unsere Gemeinde kommen, künftig „Tourischde“ zu nennen. Und letztes Jahr folgte ein weiterer mutiger Schritt im Rahmen unserer Globalisierung, wo auch in unserer Gemeinde eingetreten ist, und seither sagen wir zu unsere Proschbekte „Imagebroschüre“ oder „Fleier“, je nachdem. Konsequent hat nun der Gemeinderat, in entschlossener Verfolgung des hoch gesteckten Ziels“ endete die Feschdrede, „mit der Anschaffung der neuen Glühbirnen in beeindruckender Weise dokumentiert, welch hohen Stellenwert er der Kultur in Irgendwo einräumt.“

Die Schilderung des Entwicklungsprozesses von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ und seiner Bedeutung soll darauf einstimmen, dass Yvonne Z. in diesem Jahr der Hochkultur von Irgendwo durch ihre unbezähmbare Kreativität die Krone aufgesetzt hat. Von diesem Ereignis wird demnächst die Rede sein.

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Freitag, 15. Juni 2012
Norbert Röggelchen, ein viel versprechender Nachwuchsmoderator
Am Tresen der ‚gerupften Gans’, seinem Stammplatz, traf ich ihn. Der Deckel unter dem Pils nebst Begleiterchen vor ihm verriet, dass er heute mit erhöhter Schlagzahl an seine gewohnte Abfüllverrichtung gegangen war: Norbert Röggelschen, arbeitslos seit seinem Abgang von der Hauptschule vor beinahe zwei Jahren, derzeit in einer Qualifizierungsmaßnahme des Arbeitsamts zum Nachwuchsmoderator beim Fernsehen.

„n’Tach Norbert.“
„Auf einen Langen.“
„Biste heute gut drauf?“
„Klar wie Pils und Korn. Echt supergut. Hab heute die Klausur beim Arbeitsamt total.“
„Klausur, wozu?“
„Frag ich mich auch. Bin doch für Mod sozusagen voll geeignet. Klare Sache. Aber ohne Kurs keine Kohle. Deshalb heute Arbeitsamt. Echt krass, sag ich mal.“
Nach längerem Befragen fand ich heraus, dass Norbert Röggelschen derzeit eine Qualifizierungsmaßnahme zum Nachwuchsmoderator beim Fernsehn durchläuft. Heute gab es die Klausur von letzter Woche zurück. Auf vorgedruckte Fragen mussten Antworten gegeben werden. Norberts Arbeit wurde mit sehr gut bewertet.

Frage: Sind Sie für oder gegen die Energiewende?
N. R.: Genau. Ich finde das sozusagen irgendwie total megageil. Kein Thema.
Frage: Können Sie ihre Meinung näher darstellen?
N. R.: Absolut. Nur eine arschgesichtige Vollknalltüte da draußen bei den Leuten kann anderer Ansicht. Das ist doch alternativlos. Meine Meinung.
Frage: Wo sehen Sie Probleme?
Nr. R.: Ich will es mal so sagen. Man muss das mal zeitnah auf Augenhöhe hinterfragen und es muss alles auf den Tisch.
Frage: Kennen Sie zu dem Problemkomplex auch eine andere Meinung?
N. R.: Da muss sozusagen eine lückenlose Aufklärung. Und ich sage ihnen: das ist mit mir nicht zu machen.
Frage: Wenn sie an die Abgründe als Grundlage menschlicher Leistung denken, was fällt ihnen dann ein?
N. R.: Absolut. Irgendwie total. Ich habe sozusagen hart an mir gearbeitet und kenne alle 27 Talkshows und die 8 Politikdarsteller, die immer dort sind. Sozusagen alternativlos suboptimal.


Schon an dieser Stelle war ich reif für das nächste Pils und doppeltes Begleiterchen. Alternativlos.

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Dienstag, 12. Juni 2012
Laura oder: warum Kühe keine Flügel haben
ES KANN JA NICHT SCHADEN, DIE UNTERSCHIEDLICHEN MYTHEN VON „STADTLEBEN“ UND „LANDNATUR“ AUF EINE ETWAS REALISTISCHERE GRUNDLAGE ZU STELLEN


Was das banale (?) Alltagsleben der Menschen im Allgemeinen betrifft, so ist es auf dem Land ganz anders als in der Stadt, was eigentlich nicht verwunderlich ist, und sich deshalb kaum für eine spannende Einleitung für einen diesbezüglichen Essay eignet. Meistens ist das Leben im Allgemeinen sehr schön, insoweit gibt es auch von einer Gemeinsamkeit zu berichten. Was das übliche Geschlechtsleben im speziellen angeht, so geschieht es weder da noch dort alltäglich, aber gelegentlich auch im Alltag. Auch das ist sowohl auf dem Land als auch in der Stadt meistens sehr schön. Dass man auf dem Land lebt, erkennt man ganz eindeutig daran, dass es hier sehr viele Kühe gibt, wovon ein Teil auf den Wiesen, der andere Teil in den Anbindeställen steht. In der Stadt gibt es keine Wiesen und Ställe, sondern nur Grünflächen, deren Betreten verboten ist, damit dort die Hunde ungestört ihre Haufen loswerden können, und nur Garagen. Deshalb stehen dort keine Kühe herum, sondern viele Autos im Stau. Wenn die Kühe noch jung sind, werden sie von den Einheimischen unterschiedslos als „Kälber“ bezeichnet. Ungefähr ist das so, wie die Städter ihren Nachwuchs undifferenziert „Kinder“ nennen. Wenn die Kinder älter werden, unterscheiden die Städter nur zwischen Mädchen und Jungen. Auf dem Land dagegen ist die Ausdifferenzierung der Arten, wenn die Kälber älter werden, vielfältiger. Dann gibt es Färsen, Kühe, Bullen, Ochsen ... usw. Auf dem simplen Niveau der Städter lassen sich jedoch auch auf dem Land zwei Gruppen von Kühen sehr einfach unterscheiden: „Muhli“ sind alle Kühe, die einen Euter kurz vor den Hinterbeinen unter dem Bauch hängen haben. Sie sind ganztags mit der Erzeugung von „Milch“ beschäftigt. Das ist ein Produkt, das die Städter als Inhalt von Tetrapacks im Kühlregal des Supermarktes kennen. Die anderen Kühe sind „Nicht-Muhlis“, die unter dem Bauch kurz vor den Hinterbeinen keinen Euter hängen haben. Sie bewirken ganztags die Erzeugung von Produkten, die die Städter als Ochsenbrust, Rouladen, Gulasch o.ä. von der Fleischtheke des Supermarktes her kennen. Wenn wir von dem beschränkten Unterscheidungsvermögen der Städter, die gerade noch für „Muhli“ oder „Nicht-Muhli“ ausreicht, auf das differenzierte Einsichtsvermögen der Landlebigen umschalten, können wir feststellen, dass die „Nicht-Muhlis“ in mehrere Sorten trennbar sind. Diejenigen, die dort wo die Muhlis einen Euter mit mehreren Zitzen hängen haben, einen nicht ganz fußballgroßen Sack mit einer einzigen Zitze daran baumeln haben, werden „Bulle“ genannt, die „Nicht-Muhlis“, denen ihre Lebensfreude entfernt wurde, heißen „Ochsen“, welche eine besonders zarte Ochsenbrust abliefern, zu der Senf, Preiselbeeren und frisch geriebener Meerrettich gehören. Die Reste ihrer Verdauung, die auf dem Land „Scheiße“ genannt werden, geben die Kühe in der Form von Fladen von sich. Stehen die Kühe im Stall, so werden diese Fladen im Schwemmsilo zu Gülle, welche zweimal im Jahr aufs Feld geführt wird. Trennen sich die Kühe von ihrer Scheiße auf der Wiese, wobei sie ihren Schwanz etwas merkwürdig anheben, dann bezeichnen die Ökologen das Produkt als Naturdünger. Wenn die Städter die Reste ihrer Verdauung von sich geben, so nennt man das nicht „Scheiße“, sondern „anregendes Partygespräch“. Was manchmal auch ein merkwürdiges Anheben des Schwanzes zur Folge haben soll.

Ungezählt sind die beiderseitigen Vorurteile, die die Städter von den Menschen trennen. Deren Berechtigung wollen wir an einem Beispiel – pars pro toto – darstellen, und sie danach anhand einer tiefer gehenden Analyse erklären.
Da sind zum Beispiel die tiefergelegten Hosengurtträger-GTI’s, in denen sich die Städter von roten Ampeln abbremsen lassen. Auf dem Land gibt es keine Ampeln, und wenn es sie gäbe, würde ein GTI-Landbursche sich niemals von so einem läppischen-städtischen Schnickschnack aufhalten lassen. Die fürchten noch nicht einmal Leitplanken und Alleebäume am Straßenrand. Weshalb auf dem Land Holzkreuze nicht nur auf dem Friedhof, sondern auch an den Straßengräben stehen. Was in der Stadt schon deswegen nicht möglich ist, weil jeder asphaltierte Straßenrand als Parkraum benötigt wird. Bei der tiefer gehenden Analyse stoßen wir bei der vergleichenden Betrachtung von Stadt- und Landleben auf existentiell-grundsätzliche Unterschiede. Vereinfacht gesagt: in der Stadt kann man wohnen, auf dem Land leben. Städter verwechseln das Leben auf dem Land mit Folklore. Sie kennen es ja nur aus dem „Musikantenstadel“ und „Landarzt Dr. Alois“. Die Menschen auf dem Land dagegen unterscheiden genauer. Die „Bauern“ begreifen sich als Lebensform, welche vor allem von Subventionen lebt. Die anderen verstehen sich als „Landwirte“, als Wirtschaftsunternehmen, die auch von Subventionen leben. Nicht nur Städtern wird dieser Unterschied für immer unverständlich sein.

Neben dem erwähnten Erkenntnismerkmal „Kühe“ ist es auch die Art der Menschen, die die Städter von der Landbevölkerung unterscheidet. Schaut man sich die Menschen allerdings nur oberflächlich an, so kann man keine Unterschiede erkennen. Bei den Teilen, die immer sichtbar sind, bestehen sie aus Beinen, Rumpf und Kopf. Die Teile, die meistens unsichtbar sind, teilen sich, je etwa zur Hälfte, in weibliche bzw. männliche Ausformungen.
Der wesentliche Unterschied wird erst dann erkennbar, wenn man bemerkt, dass die Stadtbewohner „Briefkästen“ nennen, was für die Menschen auf dem Land „Nachbarn“ sind. Fremde Briefkästen im Hausflur nimmt man zwar wahr, doch deren Inhalt kennt man nicht. Die Nachbarn kennt man. Auf der Fensterbank des Küchenfensters hat jeder Mensch auf dem Land ein Fernglas liegen um die Nachbarn aus der Nähe zu beobachten. So ist für genügend Gesprächsstoff gesorgt, um beim nächsten Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr jene Nachbarn durchzuhecheln, die gerade ein paar Tische weiter außer Hörweite sind.
Wenn auf dem Land ein Nachbar stirbt, betet das ganze Dorf gemeinsam den „Schmerzhaften Rosenkranz“ für ihn, bevor er drei Tage später der Erde übergeben wird. Wenn bei den Städtern „plötzlich“ und „unfassbar“ „allzu früh“ ein Bekannter „von uns gegangen ist“, schickt man eine vorgedruckte „In-tiefer-Verbundenheit-Karte“, die es in vielen Varianten zu kaufen gibt. In den sogenannten „besseren Kreisen“ der Städter kann man sich einen Kranz ersparen, weil die Verstorbenen aus den besseren Kreisen Ehrenämter in Organisationen hatten, für die man anstatt Kranzspenden spenden muss. Das ist sehr praktisch, weil die Finanzbuchhaltung das als Betriebsausgabe erledigt, und man der Trauerfeier im engsten Familienkreis entschuldigt fernbleiben kann.
Vorausschauend in die Zukunft muss leider angemerkt werden, dass sich das Leben auf dem Land immer mehr dem in der Stadt angleicht. Es wäre vielleicht noch zu ertragen, dass inzwischen die ARD und das ZDF flächendeckend zu empfangen sind. Die Landbevölkerung ist das Leben mit Gülle gewöhnt. Aber lt. neuester Untersuchung von „infomap“ sind derzeit bereits 73,5 Prozent der unter 39-Jährigen auf dem Land an das Internet angeschlossen. Ländler und Städter glotzen gleichzeitig die gleichen Pornos. Wo soll das hinführen? In die Umformung von zwei unterschiedlichen Kulturen in einen Einheitsbrei von Unkultur? Noch ist es nicht soweit, besteht noch die Kluft der Kulturen zwischen Stadt und Land, was besonders ins Auge springt, wenn es Kinder aus der Stadt aufs Land verschlägt. Ein Freund hat mir kürzlich von einem solchen Besuch berichtet.



KÜHE HABEN KEINE FLÜGEL UND DIE MILCH KOMMT AUS DEM SUPERMARKT

Immer wenn der sanftmütige Johannes, ein in Ehren ergrauter Alt 68-er, zu einer auskömmlichen Frühpension als Oberstudienrat a.D. gekommen, seine Enkelin Laura gelegentlich über das Wochenwende zu sich in sein toprenoviertes Bauernhaus in einem Teilort auf dem Land einlud, wusste er, dass ihm schwierige Tage bevorstanden. Er nahm diese Belastung gerne und bereitwillig auf sich, wollte er doch nicht nur seiner Tochter und deren Lebenspartner, den Eltern von Laura, ein ungestörtes Bumsen in ihrer 2 ½ Zimmer-Wohnung mit Bad drunten in einer Stadt der „Täler“ ermöglichen, sondern auch seiner Enkelin, dem Stadtkind, gleichzeitig die Grundzüge einer naturnahen Lebensweise vermitteln. Auch zu bürgerlichen Mitteln gekommene Alt 68-er können das Vermitteln nicht lassen. Dieser humane Doppelwille aber war nicht die eigentliche Schwierigkeit, von der kurz zuvor die Rede war. Laura war im besten nervigen Fragealter. Mutig stellte sich Johannes dem auf ihn zukommenden Stress, so letztmals vom 15. auf den 16.09.2011. Gleich nach Lauras Ankunft in seinem toprenovierten Bauernhaus dachte Johannes, ihr – der 2 ½ Zimmer-Wohnung mit Bad Entkommenen – täte es zuerst einmal gut etwas Landluft zu schnuppern, um erste einfühlende Befindlichkeit und Empfindsamkeit für die Wunder der Mutter Erde, für eine naturnahe Lebensweise herzustellen. Er führte Laura hinaus zu den Weiden, auf denen braun-weiß-gefleckte Kühe, wie sie auf dem Land häufiger auf einer Wiese anzutreffen sind, wobei sie sich vom Gras und die Bauern sich von den dafür gewährten Subventionen ernähren, grasen.

J.: „Schau mal Laura, da grasen braun-weiß-gefleckte Kühe!“
L.: „Schon gerafft, Opadaddy, echt grass cool, aber warum haben die Kühe keine Flügel?“

Da ging die Nerverei schon los. Johannes entschloss sich, von den Fesseln seiner frühkindlichen Erfahrungen mit der das-ist-so-Pädagogik längst selbstemanzipatorisch befreit, ohne jedes Zögern auf die Frage nicht mit dem Klapperstorch oder ähnlich kindischen Welterklärungen zu kommen, sondern mit den Möglichkeiten einer wirlichkeitshinterfragend- anschauenden Pädagogik zu antworten.

J.: „Ich will es dir zeigend-erklären, Laura. Schau doch, das wichtigste an den Kühen ist ihr Euter.“
L.: „Euter, was ist denn das schon wieder?“
J.: „Das ist der runde Sack der da unten hängt, in dem machen die Kühe Milch.“
Laura schaute ihren Großvater Johannes fragend-belustigt an.
L.: „Sag mal Opadaddy, willst du mir jetzt ein Märchen erzählen?“
J.: „Wieso ein Märchen, liebe Laura, ich will dir doch nur die ökologische Lebensweise auf dem Land, so wie sie uns unsere Mutter Erde beschert hat, zeigen.“
L.: „Klar, du willst mir ein Märchen erzählen, finde ich total uncool. Mein Papi hat gesagt, mit dem runden Sack, der da unten hängt, macht man der Mami ein Baby, und die Milch holen wir beim REWE.“

Kurz stand das ganze Dilemma der Aufklärung zwischen Johannes und seiner Enkelin Laura. Führt diese doch, in unterschiedlichem Kontext erfolgt, - hier eine 2 ½ Zimmer-Wohnung mit Bad drunten bei den städtischen „Tälern“, dort bei einem toprenovierten Bauernhaus auf dem Land – zu sehr unterschiedlichen Erkenntnissen. Doch der in endlosen Palavern von Parteitagen, Selbsterfindungsworkshops und dergleichen unfruchtbaren Mühseligkeiten gestählte 68-er Johannes ließ sich keinen Augenblick von seinen anschauend-pädagogischen Bemühungen abhalten.

J.: „Schau mal Laura, das ist so. Du siehst die braun-weiß-gefleckten Kühe, die haben einen dicken Euter, in dem sie die Milch machen, das ist anders als bei deinem Papi, der keine Milch macht. Wenn dann die Kühe gemolken werden, kommt die Milch heraus und wird in einer umweltkorrekten Verpackung, damit keine Keime rein kommen, zum REWE geliefert.“
L.: „O.K. Opadaddy, das habe ich gerafft. Aber das ist doch genau wie bei Papi. Der verpackt auch seinen Sack, damit bei Mami keine Keime reinkommen. Total cool und echt geil. Aber, Opadaddy, du hast mir immer noch nicht gesagt, warum die Kühe keine Flügel haben.“
J.: „Sieh mal Laura, du hast doch jetzt gesehen, dass die Kühe in ihrem Euter Milch machen, die wir für unser Müsli brauchen.“
L.: „Aber warum haben sie dann nicht auch noch Flügel?“
J.: „Genau deswegen. Mit ihren Flügeln würden sie mit der Milch einfach wegfliegen und wir hätten keine für das Müsli.“
Laura blieb hartnäckig mit einer Logik, die in ihrem Alter auf weit fortgeschrittene Reife schließen lässt, wie wir Erwachsene sie unseren Kindern nicht zutrauen. Weshalb eigentlich nicht?
L.: „Gut, das finde ich o.k. Aber mit ihren Flügeln könnten die Kühe doch direkt zum REWE fliegen!“

Johannes sah, dass er an dieser Stelle mit einer wirklichkeitshinterfragend-anschauenden Pädagogik nicht mehr weiterkam. Er entschloss sich, sich auf das höhere Niveau fortgeschrittenen logischen Denkvermögens, wie es unverdorbenen Kindern wie Laura zu Eigen ist, zu begeben; wobei er anfangs den klassischen sokratischen Frageweg beschritt.

J.: „Gut Laura. Angenommen, die Kühe fliegen mit ihrer Milch zum REWE. Wo sollen sie dort landen?“
L.: „Dumme Frage Opadaddy, natürlich auf dem Parkplatz.“
J.: „Laura, hast du schon einmal eine braun-weiß-gefleckte Kuh auf dem Parkplatz beim REWE parken sehen?“
L.: „Du fragst aber einen Scheiß, Opadaddy. Nein, habe ich nicht. Wenn Mami und Papi dort die Milch holen ist der Parkplatz immer mit Autos zugeparkt.“
J.: „Siehst du Laura, weil die Kühe nicht beim REWE landen und dort parken können, haben sie auch keine Flügel.“
Laura war für eine kleine Weile nachdenklich, jedenfalls hielt sie für 9 ½ Sekunden den Mund. Johannes spürte derweil – jedenfalls glaubte er es -, dass er mit der Aufklärung eines Stadtkindes, aufgewachsen in einer 2 ½ Zimmer-Wohnung bei den städtischen „Tälern“ ein großes Stück weiter gekommen war. Listig nutzte er das Schweigen von Laura, um das Thema nicht wieder aufflammen zu lassen, wobei er bei der sokratischen Fragetechnik verblieb, um einem Themenwechsel zuvorzukommen.
J.: „Sag mal Laura, magst du eigentlich Hähnchen mit Pommes?“
L.: „Dumme Frage Opadaddy, mit Majo und Ketchup. Echt geil.“
J.: „Hab ich alles da, gibt es nachher.“
L.: „Krass cool. Aber – sag mal Opadaddy, du erzählst mir da nicht schon wieder ein Märchen?“

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