Sonntag, 1. Juli 2012
HATTE NUN ONKEL MATTHIAS FUSSPILZ ODER NICHT?
Vorneweg und ganz unumwunden zugegeben, ich kann diese drängende, substanzhaltige Frage so wenig mit Gewissheit beantworten wie jene, ob die Jungfrau Maria eine war oder nicht. (Bewahren Sie noch einen Moment Ihre Fassung, Ihr Energieeinsatz für die Abgabe empörenden Belehrenwollens wäre im Moment reine Verschwendung, weiß ich doch selbst, dass zwischen einem möglicherweise vorhandenen Fußpilz und einem möglicherweise vorhandenen Jungfernhäutchen bei oberflächlicher Betrachtung deutliche Unterschiede bestehen. Doch wir wollen uns nicht mit Oberflächlichen von Phänomenen, die es möglicherweise nie gab, beschäftigen. Folgen Sie für eine kleine Weile mit kühlem Kopf meiner These, dass beide, Fußpilz und Jungfernhäutchen, auf einer höheren, aber ebenfalls sehr konkreten Ebene ein brennendes Problem sein können, an dem man sich nach Einsicht suchend reiben kann, was sowohl für den Probleminhaber als auch für den Problemlösungssuchenden gilt.) Sie verzeihen mir gewiss meine Unentschiedenheit, denn über derart quälende Menschheitsfragen und –probleme haben schon seit es Menschen gibt Scharen von Gelehrten nachgedacht, Bibliotheken vollgeschrieben, ohne zu einer eindeutigen Gewissheit zu kommen. Wichtige Dinge liegen oft im Dunkel verborgen, bleiben ein geheimnisumwittertes Familiengeheimnis, das selten gelüftet wird. Sonst wäre es schließlich kein Geheimnis mehr. Wer will es mir, da ich nur ein kleines Quäntchen klüger bin als die Scharen von schlauen Gelehrten vor mir, für übel nehmen, dass ich auch noch nicht zur Gewissheit gereift bin, forsche ich doch erst seit 7-8 Jahren über den möglichen Fußpilz bei meinem Onkel Matthias. Jahrzehntelang hatte ich einfach andere Prioritäten, wollte zum Beispiel jene Tätigkeiten ausführen, die zum Ergebnis des Typs „Familie“ führen, und dem folgend als sie da war, Sorge zu tragen, dass sie dem Teiltyp „Kleinfamilie“ zuordenbar bliebe und nicht zum Teiltyp „Großfamilie“ auswuchs, das alles ohne wesentliche Veränderung der erwähnten Tätigkeiten. Kein Mensch wächst ohne Sorgen auf. Falls Sie das nicht akzeptieren wollen, gut, das ist Ihre Sache, aber es ist nun mal so.

Selbstverständlich gerate ich ob des uneindeutigen Befundes nicht in den überheblichen Zustand der Selbstzufriedenen, die fehlende Gewissheiten mit einem simplen Verweis auf Ewige Wahrheiten vom Tisch fegen wollen. Vielmehr gehe ich als Leidender unter unserer Betroffenheitskultur in Sack und Asche, zünde abends am Kamin ein Solidaritätskerzlein an, und entsorge morgens die Asche des Kamins in einem ökologisch korrekten Sack in der Tonne für Restwertstoffe. So viel Sinn für Ordnung muss ein Deutscher, der nicht ruck-zuck ein Welträtsel lösen kann, einfach haben. Sollten Sie mich deswegen für einen zweitklassigen Deutschen halten, bitte schreiben Sie es mir, ich werde dann künftig neben dem Betroffenheitskerzlein noch ein Schmerzkerzlein am Kamin anzünden, um meine gepeinigte Seele vor dem Psychiater zu schützen. Zurück zum (möglichen) Fußpilz von Onkel Matthias.

Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, muss ich noch darlegen, dass mich, den gründlichen Fußpilz-Nachdenker und die grundsätzlichen Jungfernhäutchen-Nachdenker ein gemeinsames, schmerzliches Handikap verbindet. Als die Häutchen-Nachdenker anfingen, über dessen (Nicht-)Existenz sich fundamental weltbewegende Gedanken zu machen, waren ihr Forschungsobjekt und dessen einzelne Bestandteile schon längere Zeit tot, also nicht mehr zur Verifizierung ihrer Thesen durch Besichtigung brauchbar. Ich teile dieses Schicksal, Onkel Matthias ist vor 12 Jahren gestorben. Er gehörte zum Jahrgang 1908. Als ich, Jahrgang 1940, so vor 7-8 Jahren über seinen (möglichen) Fußpilz zu forschen begann, stand er mir für ein investigatives Interview über seine Geisteshaltung ebenso wenig mehr zur Verfügung, wie für eine Inaugenscheinnahme einzelner Körperteile. (Die wesentlichen Zusammenhänge dieses existentiellen Problems hat M. Heidegger in „Sein und Zeit“ wenig erhellend dargestellt. Sie brauchen also dieses Werk nicht zu lesen, um meinen Ausführungen folgen zu können) Wir, unsere Gedanken und die Kantinenessen sind vergänglich. Und dennoch müssen wir forschen, um zumindest eine Annäherung an die Wahrheit zu finden. Unser faustischer Drang, Sie verstehen das intuitiv, auch wenn das Verständnis eigentlich etwas mit angelesener Kultur zu tun hat.

Ich wende mich jetzt von der Versuchung ab, in das philosophisch Allgemeine, deshalb Immergültige abzugleiten, ich wende mich vielmehr der schwierigeren Frage nach dem Konkreten zu - spätestens an dieser Stelle ist doch der Gag mit dem Jungfernhäutchen ausgereizt, da werden Sie mir gewiss zustimmen. Ein Jungfenhätchen ist kein abendfüllendes Prgramm. Es bringt jetzt keine neue Erkenntnis zu fragen: „was meinte Josef zu dieser Angelegenheit?“ oder: „was hat ihn dabei betroffen gemacht?“ oder so. Auch Josef ist schon lange weg von seiner Hobelbank, und nur noch quasi philosophisch befragbar -, dem eigentlichen Thema, ob Onkel Matthias nun Fußpilz hatte oder nicht. Als ich mich vor etwa 7-8 Jahren der komplex-schwierigen Frage nach einem (möglichen) Fußpilz von Onkel Matthias zu nähern begann, sah ich mich natürlich der bereits eingangs erwähnten Schwierigkeit konfrontiert, dass mir mein Forschungsobjekt, weder die Füße meines Onkels Matthias noch deren (möglicher) Belag einer direkten Anschauung zugänglich waren. Er war ja einige Jahre zuvor schon verstorben, die habgierigen Erben hatten ihm nur leicht vergängliche Fichte statt länger widerstandsfähige Eiche gegönnt, sodass, als ich zu forschen anfing, schon alles futsch war. Ich mache den Erben keinen Vorwurf. Der direkt auf dem Konto erfahrbare Vorteil von kostensparender Fichte wiegt de praxi mehr als eine eventuelle spätere immaterielle Befassung mit den Resten des Verstorbenen; zumal Onkel Matthias aufgrund seines Lebenswandels nie in den Verdacht geriet, über ihn könnte einmal ein Verfahren zur Erhebung auf die Heiligkeit der Altäre eingeleitet werden; doch das ist ein anderes Thema. Das konnte mich nicht entmutigen, war ich doch gewiss, erste Ergebnisse mit Hand und Fuß aus meinen Erinnerungen an dieselben herleiten zu können.

Immer wenn ich das Haus von Onkel Matthias betrat, nach meiner untrüglichen Erinnerung geschah das durchaus häufig, roch es schon im Hausflur streng-säuerlich, was mir signalisierte, dass ich in dem richtigen Haus angekommen war. Das ist eine objektive Feststellung, keine Zufallsbeobachtung, denn es roch immer streng-säuerlich, wenn ich in den Hausflur von Onkel Matthias und Tante Mechthilde kam. Die streng neutral-wissenschaftlichen Überlegungen, die ich seit etwa 7-8 Jahren anstelle, suchen sich natürlich von stark subjektiv gefärbten frühen Kindheitserlebnissen frei zu machen. Deshalb lasse ich auch nicht den vorschnellen Schluss aus dem streng-säuerlichen Geruch im Hausflur auf das Vorhandensein von Schweißfüßen bei Onkel Matthias zu.
Könnte es denn nicht auch sein, dass der köstliche Sauerkohl von Tante Mechthilde, der seit Stunden auf dem Herd köchelte, mich bereits im Hausflur liebevoll empfing?
War es die simple Tatsache, die uns Heutigen bei unserem elementaren Erleben fehlt, dass das Haus von Onkel Matthias und Tante Mechthilde damals noch nicht an die öffentliche Kanalisation (die gab es ja noch nicht) angeschlossen war? Ganz normal eine vulgäre Jauchegrube hatte, die einmal im Jahr auf die Gemüsebeete im Garten entsorgt wurde?
Oder rührte es gar, da es immer so streng-säuerlich roch, wenn ich in den Hausflur von Onkel Matthias und Tante Mechthilde kam, ursächlich davon her, dass Onkel Matthias und Tante Mechthilde als fortgeschrittene Bürgerliche zwar bereits ein Bad im Haus besitzend, dieses gemäß überkommenen katholisch geprägten Ehrfürchtigkeiten nur an den Vigilien hoher Feiertage, also samstags vor Ostern, vor Pfingsten und Weihnachten in Anspruch zu nehmen pflegten? Das würde auch erklären, dass die Jauchegrube einen ganzen Jahresbedarf an Abwasser fassen konnte.

Ein streng-säuerlich riechender Hausflur stellt komplexe Fragen, die nicht mit eindimensionalem Denken beantwortet werden können. Wir müssen mehrere Parameter des Problems der näheren Betrachtung unterziehen. Dabei können wir uns auf die bisher erarbeiteten Grunddaten stützen.

Fakt ist, immer wenn ich in den Hausflur von Onkel Matthias und Tante Mechthilde kam, roch es streng-säuerlich. Lag es:
- am (möglichen) Fußpilz von Onkel Matthias?
- dem seit Stunden köchelnden Sauerkohl?
- an der nur 1 x im Jahr geleerten Jauchegrube?
- dem Handlungskonzept, demzufolge Onkel Matthias und Tante Mechthilde nur an den Vigilien hoher Feiertage ihre Errungenschaft einer Badewanne im Haus zu nutzen pflegten?
Fragen, die sich nur durch einen diskursiven Argumentationsprozess, nein, nicht der Gewissheit, aber der erheblichen Wahrscheinlichkeit zuführen lassen. Gehen wir also streng systematisch – analytisch dem Forschungsweg nach.

Die Konstanz des immer wahrgenommenen streng-säuerlichen Geruches spricht stark für das gewesen Vorhandensein von Fußpilz. Bekanntlich hat man diesen oder hat ihn nicht, und wenn, dann für immer (jedenfalls nach dem Stand der Schulmedizin der damaligen Zeit). Kurz kam mir bei einer differenzierteren Überlegung, die zwischen dem Fußpilz als solchem und einem von ihm ausgehenden streng-säuerlichen Geruch unterscheidet, ein Entlastungsargument in den Sinn, da es durch entsprechende Hygieneprävention durchaus die Möglichkeit gibt, einen Fußpilz von der mehrfach erwähnten Begleiterscheinung zu trennen. Doch dann zeitigte mein Vermögen, in komplexen Zusammenhängen zu denken, seine Früchte. Mir fiel die nur an den Vigilien hoher Festtage in Benutzung genommene Badewanne ein.
Die Entkräftung des Verdachtes auf (möglichen) Fußpilz von Onkel Matthias durch den herrlichen Sauerkohl von Tante Mechthilde konnte ich rasch durch einen logischen Schluss verwerfen. A: Immer wenn ich in den Hausflur kam roch es streng-säuerlich. B: Wenn ich zu Tante Mechthilde und Onkel Matthias kam, gab es nicht immer Sauerkohl, sondern auch himmlische Pellkartoffel mit Quark, dicke Erbsensuppe oder ein Gedicht von Gemüseeintopf, den wir „quer durch den Garten“ nannten. C: Also konnte der streng-säuerliche Geruch nicht vom Sauerkohl herrühren, es war wohl doch der Fußpilz, dem Onkel Matthias seine freie Entfaltung ermöglichte.
Blieb nur noch die Sache mit der Jauchegrube. Da es heutzutage nur noch wenige diesbezügliche Experten gibt, musste ich mich in den Wissensspeicher der heutigen Menschheit, das Internet, in dem die Menschen ihre Scheiße entsorgen, begeben. Und ich erhielt Rat. Jauchegruben riechen süßlich-schwefelig, weshalb sich dort gerne viele Fliegen aufhalten, lernte ich in dieser globalen Scheißgrube. Im Hausflur von Onkel Matthias roch es dagegen streng-säuerlich, und Fliegen habe ich an seinen Füßen nie gesehen. Also doch: mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatte Onkel Matthias Fußpilz.

Macht nichts. Denn ich liebte meinen Onkel Matthias heiß und innig, er spendierte mir immer 10 Pfennig wenn der Eismann seinen Wagen durch das Dorf schob. Erdbeer hatte ich am liebsten.

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Freitag, 8. Juni 2012
Träume am jungen Dorfbach
Altersgerecht träume ich, wenn ich allein bin, davon - ein Traum mit gemischten Gefühlen, wie gleich zu zeigen sein wird -, in völligem Einklang mit unserer geliebten „Mutter Erde“, mit ihr in Eins verschmolzen, mit der unberührten und reinen Natur, im jungen Irgendwoer Dorfbach, der sich quellfrisch und gar liebreizend durch die Matten nahe unseres einzigartigen Dorfes schlängelt, zu leben. Mich aus einem Teil des sanften Kosmos der Wolke von Froschlaich, die in den ufernahen Grün-Gewächsen nistet, zu einer der zu Tausenden sich in dem lebendigen Wasser tummelnden Kaulquappen zu entwickeln, schließlich, zum putzigen Frosch mutiert und gereift, mich genüsslich und zufrieden in der warmen Sonne am Bachrand aalend, mir ein paar leckere junge Mücken zum Festmahl zu schnappen und dann eine Gattin, gleich mir, mit ihrem betörenden Quaken an meiner Seite zu wissen.
„Wie gut meinst du es mit mir Menschlein, meine lebenspendende Mutter Erde!“

„Du Faulenzer, hast Du nichts Besseres zu tun, als hier am Dorfbach nichtsnutzig die Zeit zu vertrödeln?“ Tief versunken in meine versponnenen Träume habe ich das Herannahen meiner lieben Frau, die am Ufer unseres lieblichen Dorfbaches frisches Futter für unsere Kaninchen erntet, nicht bemerkt.
„Meine Liebe“, kaum bringe ich, jäh aus der mythischen Umarmung der Mutter Erde gerissen, ein geordnetes Wort hervor, „ich war … suchte … einfach die göttliche … die verborgene Struktur der Schönheit der Natur….“
„Ach, Josef, hast Du heute wieder einen von Deinen bescheuerten Anfällen? Schau Dich doch mit offenen Augen um und werde erwachsener Realist: Fressen und gefressen werden ist die unerbittliche Struktur der Natur.“
Meine liebe Frau warf eine letzte Handvoll Löwenzahn und eilte zur Küche, um die Forellen für das Mittagessen vorzubereiten.

Da war er mir zwischen den Fingern zerronnen wie dem Tennisspieler der Traum vom Matchball nach zwei Doppelfehlern, der Liebreiz der unbeschädigten Natur. Überfallartig wie der Tinnef eines In-Girls bei RTL II aus meinen sanften Galaxien von kosmischen Melodeien geworfen, betrachte ich mit meinen wieder klar sehend gewordenen Augen das Geschehen der Natur im jungen Irgendwoer Quellgewässer. Jetzt hellwach geworden fällt es mir in die Augen wie die Schuppen von diesen in den Schoß, dass der Großteil des Laichschleimes der Fröschinnen von den räuberischen, ewig hungrigen Forellen gefressen wird, dass die meisten der geschlüpften Kaulquappen dasselbe Schicksal erleiden, und die fröhlichen Frösche wie die räuberischen Forellen die Lieblingsspeise der Fischreiher, die am Ufer des jungen Irgendwoer Dorfbachs siedeln, sind.
„Nee“, denke ich mir ohne jeden träumerisch verklärten Blick, „aus den Träumen eines Lebens im Einklang mit der Natur darf keine Realität werden. Dort gibt es tierische Probleme. Dann lieber die kleinen menschlichen Probleme an dem Ufer des jungen Irgendwoer Dorfbachs.“ Sollen wir am Sonntag den Gemüsegratin als Beilage zum gebratenen Kaninchen – wie gewohnt – mit Orangenthymian oder vielleicht einmal mit ein paar frischen Salbeiblättern oder geraspeltem Ingwer verfeinern? ging es mir als möglichen Ratschlag für meine liebe Frau beim mittäglichen Forellenessen durch den Kopf.
Das Leben an ist menschlicher und erquicklicher als das tierische Leben in dem jungen Irgendwoer Dorfbach.

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