... newer stories
Samstag, 23. Juni 2012
Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof
juppstexte, 17:30h
LIEBE UND LEID AUF EINEM DEUTSCHEN BAUERNHOF
Auch wenn es sich, gleich dem legendären Fußpilz meines Onkels Matthias, noch nicht unauslöschlich in das in mehreren Fachbüchern – in einigen von ihnen mit durchaus leicht verständlichen Worten – beschriebene kollektive Gedächtnis der Menschheit in goldenen Majuskeln der elefantenrüsselgeschmückten gothischstämmigen Fraktur eingemeißelt hat, selbst wenn die UNESCO, bestochen durch ein, seit seiner vor längerer Zeit in einem Heiligen Buch erfolgten schriftlichen Schilderung als verderblich bekanntes, sehr säuerliche Folgen auslösendes, Linsengericht, die heiligste ihrer Pflichten vergessend, die Augen davor verschließend, das den Fortschritt des angebrochenen Jahrtausends markierende Phänomen noch nicht mit der gebotenen Feierlichkeit zum Weltkulturerbe proklamiert hat, an der galaktisch das Erdenrund überstrahlenden Existenz eines – gleich dem Penisbruch von Dieter Bohlen - wahrhaft historischen Ereignisses ist nicht zu rütteln: Irgendwo, meine zwischen Ober-Irgendwo und Unter-Irgendwo abseits der lärmenden Welt an den beiden Ufern eines Bachs gelegene Heimat, ist auf dem sensationell besten Weg, zu einer glänzenden Hochburg in dem durch das Ozonloch bis auf den schlammigen Boden eingetrübten Meer der deutschen Mittelmäßigkeit empor zu steigen. Wie der Fels in der Brandung und der, von emotionaler Verinnerlichung beleuchteten Augen zum Himmel gerichtete Anbetung von F.J.S. in den die Hinterzimmer bevölkernden Führungszirkel der CSU, erklimmt die Weihestätte meiner normal verlaufenen Geburt in gewaltigen Schüben die zyklopischen Stufen zum Licht der sternenflammenden Erhabenheit der kleinbürgerlich gewirkten Ansprache unseres langjährigen Bürgermeisters in der schon fast sakralen Atmosphäre des sommerlichen, vom Bierdunst geschwängerten Festzeltes auf dem vom vibrierenden Leben gefüllten Marktplatz unserer unbeschreiblichen Gemeinde. Nein, wir von den süßen Früchten der Musen reichlich überhäuften Menschenkinder von Irgendwo, haben keinen angeberisch bebauten und von Subventionen dahinvegetierenden Grünen Hügel nötig, um ohne Unterbrechung in der Heimatzeitung und dem Munde der Kundigen präsent zu sein; uns prallt der biblische Balsam und der betörende Duft üppig aus allen Ecken und Enden quellender Genitalität, von der wir Bewohner der Künstlerkolonie mit großer Begeisterung ebenso häufigen wie rauschhaften Gebrauch zu machen wissen. „Heilig halte diese Ekstasen!“ möchte ich mit den Worten des Dichters Christian Morgenstern, den auch mein Freund, der Zahnarzt von Irgendwo, im Ikea-Regal stehen hat, Tag für Tag nach dem Abendgebet dem uns mit Hochkultur segnenden Schicksal zum Lobpreis in sein Gästebuch schreiben. Damit keine seelenlähmende Depressionen auslösende Unklarheit – schon als kleiner Junge mochte ich kein gestocktes Eiweiß in der klaren Fleischbrühe – über die unbezweifelbare Berechtigung, dieser von keinem eitelgegelten Sponsor gestützten, Botschaft in die vom giftigen Neid der Nachbargemeinden erfüllte Welt gelangen und in der örtlichen Heimatzeitung ihren hasserfüllten Niederschlag finden kann, sei als mit der umwerfenden Wucht der Genesis erläuterndes Beispiel für die weltweit nachahmungsfreie, alle herkömmlichen Maßstäbe bürgerlichen Biedersinns und die anerkannten Regeln des ehrbaren Handwerks für die Pflege öffentlicher Grünanlagen sprengenden Wirk-Existenz von Irgendwo, ein gelungener Markstein in der an berichtenswerten Vorkommnissen überreich gesegneten Entwicklungsgeschichte unserer unbeschreiblichen Gemeinde hier geschildert und in beschreibenden Worten festgehalten, nämlich die mit keinem Ruhmesblatt, und sei es noch so weltbewegend wie die sagenumwobenen Brüste von Marilyn Monroe, auch nur annähernd bedeutungsangemessen zu bedeckende vorbildliche hochkulturelle Nebenbeschäftigung unserer Freiwilligen Feuerwehr. Aus voller Kehle sei das von Gottfried Bürger in den Schatz der deutschen Literatur eingeführte Lied von den braven Männern angestimmt, damit es wie Schall und Rauch durch die Lande klinge!
Im Lauf der, wie alles Irdische, der Vergänglichkeit anheimfallenden Zeit, die auch in dieser Hinsicht vor der Holzhackeobsession des letzten deutschen Kaisers – er war nicht nur der letzte, sondern auch das Allerletzte – zur Ausrottung holländischer Waldungen ihren Beginn nahm, fügten es des Schicksals waltend Mächte dem, bis zu den die in der unendlichen Ferne des Kosmos funkelnden Sternen strahlendem Glück für Jung und Alt in meinem im Sommer geraniengeschmückten Geburtsort, dass Otto Friedrich Müller, der damals – man schrieb das Jahr 1912 in die Annalen - amtierende Hauptkommandant unserer Freiwilligen Feuerwehr in einer Sternstunde einen nicht genug zu rühmenden Entschluss fasste. Dieser wackere, wegen seiner legendären Bibel- und Trinkfestigkeit weit über die Irgendwo umgebenden Wiesen und Felder hinaus bekannte und geachtete Mann, begründete dank seiner, auf seinem gewaltigen Schnurrbart gründenden Überzeugungskraft, die das seitherige Dahinscheiden von Generationen überdauernde eherne Tradition, mit seinen Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr jährlich in dem für diesen Zweck leer geräumten Spritzenhaus den vom Leben schwer gezeichneten Bauernschwank „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ zur Aufführung zu bringen. Dieses Paradestück deutschen Schenkelklopfhumors führt, fortdauernd bis zum heutigen Tag, den Zuschauern anhand von einmaligen komödiantischen Verwicklungen, die auf der Bühne zu sehen sind, eine öftere Betrunkenheit der Männer, sowie die ehelichen und außerehelichen Verwicklungen in die Liebe von zwei Ehepaaren (Hauptdarsteller), ansatzweise auch von den Nebenrollen, anschaulich vor Augen. Dieses kunterbunte Treiben, dessen Verstehen durch einige, in das Stück eingeflochtene, aber für die Zuschauer leicht zu durchschauende, Verwechslungen nicht eine Minute lang gefährdet wird, ist sehr lustig und strapaziert daher unentwegt die Lachmuskeln. Dieses, zu den ehernen, der Pflege allen kultivierten Menschen warm ans Herz gelegte, kulturelle Kennzeichen durchdringt bis heute die Hochkultur in den Medien, die nur dadurch gesteigert werden kann – das ist erst ab 21.30 Uhr unter der Auflage, dass sehr kleinteilige Verbergungstextilien die Jugend nicht gefährden, erlaubt -, dass die in den Studios wirkenden Darsteller sich der Tageskleidung entledigen. Das Stück greift völlig authentisch ins volle Leben auf dem Lande welches es in einer Folge von 5 Auftritten auf der Bühne getreulich wiedergibt. Es lässt sich deshalb guten Gewissens sagen, dass der Autor von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ mit diesen Dingen eng vertraut war. Die Schlussfolgerung lässt eine, auf den tiefen Grund gehende, Analyse des Textes zu. Jahr für Jahr brechen die im Spritzenhaus versammelten, mit ihrer Festkleidung versehenen, Bewohner von Irgendwo infolge der Lebensnähe des Bauernschwankes in orkanartige Beifallsstürme aus. Typisch für das herausragende Niveau, das am Festspielort stattfindet, ist insbesondere die turbulente Szene im 2. Auftritt. Am Anfang liegt die ungewöhnlich vollbusige - ausgestopft! Toller Regieeinfall! - Ehefrau mit dem betrunkenen Nachbarbauern in dessen blau kariert bezogenen Ehebett. Sie trägt rote Lockenwickler, denn auf der Bühne ist es Samstag. Sie ist nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet, um ihre Blöße zu bedecken. Dass der Nachbarbauer randvoll betrunken ist, merkt man auf den ersten Blick daran, dass auf dem Boden vor dem Bett neben dem Nachttopf eine fast ausgetrunkene Schnapsflasche steht. Das ist eine sehr kreative Regieüberraschung, sie deutet die Brechtsche Manier an, mit der das überwältigende Bühnenbild das Geschehen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, mit individueller Handschrift kommentiert. Im Bett des Nachbarbauern entdeckt der randvoll betrunkene - Jahr für Jahr in wechselnder Besetzung toll überzeugend vorgeführt - tumbe Bauer nicht seine ungewöhnlich vollbusige Ehefrau, als er, durch die Tür schwankend, die turbulente Szene betritt, denn er hält die Ehefrau des Nachbarn im Arm und ist voll mit ihr beschäftigt. Die gleichfalls ungewöhnlich vollbusige - ausgestopft! Toller Regieeinfall! - Ehefrau des Nachbarn ist auch von Lockenwicklern gekennzeichnet, aber, im Unterschied zur Ehefrau des Bauern, mit blauen. In diesem wichtigen Ausstattungsdetail kommt die vorsokratische Interpretation des Weltgeschehens, die der Autor des Bauernschwanks spielend im Schlaf beherrscht, sehr deutlich zum Ausdruck. Auch sie bedeckt ihre Blöße nur mit ihrer Unterwäsche. Die Ehefrau des Bauern errät jedoch sofort, was ihr Ehemann im Schilde führt, das ist nicht sehr schwer, was sollte er auch sonst mit der Ehefrau des Nachbarn in dessen Schlafzimmer anfangen? Dem tumben Ehemann vergeht sofort das Lachen, weil seine Ehefrau, wie von der Tarantel gestochen, aus dem Bett springt und ihm reinen Wein einschenkt. Sie macht ihm heftige Vorwürfe wegen seiner Untreue, die im Jahr mehrfach stattfindet. Dies führt jedes Jahr zu sehr starken Heiterkeitsausbrüchen und orkanartigen Beifallstürmen im Publikum, das in dem Bauernschwank, der mitten aus dem Leben gegriffen ist, sich selbst erkennt. Bei diesem energischen Handeln der Ehefrau sorgt das Auftreten des völlig, sowie mit Schürze und Häubchen dienstbekleideten Dienstmädchens für den, das ganze Lustspiel kennzeichnenden konsequenten Naturalismus auf der Bühne, indem es der strafenden Gattin – das ist ein dramaturgischer Höhepunkt - das Nudelholz, das sie aus der Küche herbei trägt, in die Hände spielt, damit die Ehefrau ihrem Ärger Nachdruck verleihen kann. In dieser Art geht es Schlag auf Schlag bis zum Ende des Bauernschwanks weiter, sodass der Humor fröhliche Urstände feiern kann. Solches und dergleichen mehr wird auf der Bühne und seit der Uraufführung mit nahezu unverändertem Text – es ist doch immer das gleiche Stück und die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr führen es immer auf Weltniveau auf - tags darauf in der Heimatzeitung mit bald ergreifenden, bald launischen Worten geschildert. Dieser kurze, in dürren Worten niedergelegte Abriss des überbordenden Geschehens im 2. Auftritt beweist unzweifelhaft, dass es dem Autor gelungen ist, in seiner textlichen Komposition auf Weltniveau sehr eindringlich und mit erstaunlicher Virtuosität auf der Bühne eine tief beseelte Intensität Raum greifen zu lassen, eine an die Grenzen gehende geistige Emotionalität freizusetzen und zu versprühen, wie sie außerhalb von Irgendwo allenfalls hoch pubertierende Höhere Töchter zeitigen können. Dadurch hat der Autor die Weltliteratur um ein wertvolles Stück, das ihm so schnell keiner nachmacht, bereichert.
Nur die auch in Irgendwo galoppierende Inflation, die der Erbfeind durch die Schande von Versailles verschuldete, hinderte 1924 den Gemeinderat von Irgendwo daran, der ortsansässigen Gärtnerei P. Deutschmann den Auftrag zu erteilen, zu Ehren des unter dem gleichen Datum verstorbenen Otto Friedrich Müller einen Lorbeerkranz mittlerer Größe mit goldenen Schleifen herzustellen. Infolge des dadurch bewirkten Mangels an trauernde Feierlichkeit verbreitenden Großgebinden, wurde dem Verstorbenen direkt hinter seinem Sarg aus massiver Eiche, noch vor der von tiefer Trauer gezeichneten Witwe, nur das von Otto Friedrich durch den Verlust eines Beines auf flandrischer Erde verdiente Eiserne Kreuz auf einem frisch mit schwarzem Samt bezogenen Sofakissen hinterher getragen.
Die jährliche Tradition des vor Lustigkeit schier berstenden Bauernschwanks von Irgendwo wurde bisher nur 1940 – 1944 unterbrochen. In dieser Zeitspanne führten die Frauen der Männer von der Freiwilligen Feuerwehr im zu diesem Zweck leer geräumten Spritzenhaus das deutsche Heldenepos „Der siegreiche Ritt unserer strahlenden Helden gen Osten“ auf. In diesem Stück gab es nicht so viel zu lachen wie in „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“, doch war auch diese Szenenfolge von wahrem Deutschtum reich gefüllt. Die Besetzung aller Rollen durch Frauen war kein Vorgriff auf das moderne Regietheater, denn die Frauen hopsten nicht nackisch auf der Bühne herum. Vielmehr trug an dieser Besonderheit der Umstand schuld, dass in dem genannten Zeitraum die zum soldatischen Einsatz für Führer, Volk und Vaterland fähigen Männer von Irgendwo als Helden im Feld der Ehre standen, wo einige von ihnen unter Hinterlassung junger Witwen auch verblieben, weil sie dort fielen und nicht mehr aufstanden. Das Leben hält, nicht nur auf der Bühne, Freud und Leid, die manchmal tragisch enden, auch für uns Menschen in Irgendwo bereit.
Vor zwei Jahren feierte die Bühnenkameradschaft der Freiwilligen Feuerwehr in körperlicher und geistiger Frische ihr 186jähriges Bestehen. Aus diesem festlichen Anlass kam im Spritzenhaus die folgende Tagesordnung zur Durchführung.
TO. 1 Die Trachtenkapelle, die in Irgendwo ebenso wie der Bauernschwank, hochkulturellen Charme besitzt, intonierte unter vollem Einsatz aller verfügbaren Kräfte – unter ihnen taten sich neben ihrem bewährten Dirigenten besonders die Bläser, unter denen sich seit Jahren auch junge Frauen befinden, an den Posaunen hervor – das „Badnerlied“. Diese von einem sprühenden Funkenregen von berauschenden Tonklängen durchgeistigte Darbietung fand die ungeteilte Zustimmung aller Zuhörer, einigen von ihnen traten sogar, von unerschütterlicher Vaterlandsliebe und überwältigenden Regungen ihrer Seelen ergriffene, hervorgerufene Tränen in die Augen, für die sie sich nicht schämten, weshalb sie auch, als die Trachtenkapelle mit Bravour die komplette Partitur nahezu fehlerfrei bewältigt hatte, in lautes, auf dem Höhepunkt der Lautentwicklung sogar frenetisch ausuferndes, Klatschen der Hände verfielen. So was geschieht nicht alle Tage.
TO. 2 Als sich die tobende Halle nach diesem Begeisterungssturm ziemlich beruhigt hatte und gespannt auf die nächste Attraktion wartete, wurde die Stimmung in ihr von getragen feierlichem Ernst erfüllt. Der an seiner Amtskette, die er um den Hals hängen hatte, unschwer auf einen Blick erkennbare langjährige Bürgermeister unserer unbeschreiblichen Gemeinde schritt gemessenen Schrittes zu einem kleinen Podium, das vom gemeindeeigenen Bauhof am Vortag vor der Bühne zwischen zwei Lorbeerbäumen aufgestellt worden war. Er bewältigte die hinaufführenden beiden Stufen ohne ins Stolpern zu geraten oder andere, die jetzt zum Zerreißen gespannte Stimmung unterbrechende, Zwischenfälle, dann konnte er von der erhöhten Position aus in der von ihm benutzten gewählten Sprache die Feschdrede halten. Zuerst begrüßte er alle, wo gekommen waren, namentlich an ihrer Spitze den Hochwürden Herrn Pfarrer, wo auch schon langjährig in der Gemeinde sein segenreiches Werk verrichtet, sowie, im Anschluss daran, den Gesamtkommandanten der Freiwilligen Feuerwehr samt seiner verehrten Gattin, die den Weg ins Spritzenhaus nicht gescheut hatte. Bei dieser Begrüßung versprach er, gleich auf den Gesamtkommandanten zurück zu kommen. Aber zuerst müsse er eine freudige Pflicht erfüllen, weshalb er alle Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr für ihre aufopferungsvolle Kameradschaft im Namen des vollen Herzens der Gemeinde mit lobenden Worten bedankte. Die Langjährigen, die 25 oder 40 Jahre bei der Freiwilligen Feuerwehr durch Dick und Dünn die treue Kameradschaft hielten, beurkundete unser langjähriger Bürgermeister mit einem Schriftstück aus Büttenimitat, das in einer Klarsichthülle vor widrigen Einflüssen geschützt war, und gab ihnen eine Ehrennadel, und bedankte sie nochmals – was hätte er auch sonst sagen sollen? - besonders herzlich. Dann war der Zeitpunkt gekommen, um auf dem Gesamtkommandanten zurück zu kommen. Dieser war im Lauf des vergangenen Jahres Nachfolger geworden und hatte ein schwieriges Erbe angetreten, weil sein verdienstvoller Vorgänger nach langer und schwerer, mit großer Geduld ertragener Krankheit, plötzlich und unerwartet von uns dahingeschieden und uns in die ewige Heimat vorausgegangen war. Auf Aufforderung unseres langjährigen Bürgermeisters hin standen alle Anwesenden von den Holzbänken auf, um dem schmerzlichen Verlust ein ehrendes Gedenken zu bewahren. In Irgendwo gehört dieses altehrwürdige Ritual eines gewachsenen Anstands seit unseren Vorfahren zu den in Ehren gehaltenen Traditionen, bevor die Aufführung des Bauernschwanks als kultureller Höhepunkt des Jahres naht.
3. Vor dem Tagesordnungspunkt 4., bei dem, nachdem das Podium und die beiden Lorbeerbäume aus dem Spritzenhaus entfernt worden waren, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Darbietung von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof erfolgte, berichtete unser langjähriger Bürgermeister von dem freudigen Ereignis, das zu verkünden er die große Freude und Ehre habe. Strahlenden Angesichts erläuterte er den nach zähem Ringen nahezu einstimmig gefassten Beschluss des Gemeinderates, 25,50 € aus dem Vermögens- in den Verwaltungshaushalt zu überführen, und für diese Summe 12 neue Glühbirnen für die Ausstattung der Bühne im Spritzenhaus anzuschaffen. „Schon im vorletzten Jahr, liebe Gemeinde“, rief er mit erhobener Stimme sehr laut die Worte in das bis auf den letzten Platz besetzte Spritzenhaus, „haben wir nach langjährigen Vorbereitungen den historisch zu nennenden Beschluss gefasst, die Fremden, wo wegen ihres Urlaubs in unsere Gemeinde kommen, künftig „Tourischde“ zu nennen. Und letztes Jahr folgte ein weiterer mutiger Schritt im Rahmen unserer Globalisierung, wo auch in unserer Gemeinde eingetreten ist, und seither sagen wir zu unsere Proschbekte „Imagebroschüre“ oder „Fleier“, je nachdem. Konsequent hat nun der Gemeinderat, in entschlossener Verfolgung des hoch gesteckten Ziels“ endete die Feschdrede, „mit der Anschaffung der neuen Glühbirnen in beeindruckender Weise dokumentiert, welch hohen Stellenwert er der Kultur in Irgendwo einräumt.“
Die Schilderung des Entwicklungsprozesses von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ und seiner Bedeutung soll darauf einstimmen, dass Yvonne Z. in diesem Jahr der Hochkultur von Irgendwo durch ihre unbezähmbare Kreativität die Krone aufgesetzt hat. Von diesem Ereignis wird demnächst die Rede sein.
Auch wenn es sich, gleich dem legendären Fußpilz meines Onkels Matthias, noch nicht unauslöschlich in das in mehreren Fachbüchern – in einigen von ihnen mit durchaus leicht verständlichen Worten – beschriebene kollektive Gedächtnis der Menschheit in goldenen Majuskeln der elefantenrüsselgeschmückten gothischstämmigen Fraktur eingemeißelt hat, selbst wenn die UNESCO, bestochen durch ein, seit seiner vor längerer Zeit in einem Heiligen Buch erfolgten schriftlichen Schilderung als verderblich bekanntes, sehr säuerliche Folgen auslösendes, Linsengericht, die heiligste ihrer Pflichten vergessend, die Augen davor verschließend, das den Fortschritt des angebrochenen Jahrtausends markierende Phänomen noch nicht mit der gebotenen Feierlichkeit zum Weltkulturerbe proklamiert hat, an der galaktisch das Erdenrund überstrahlenden Existenz eines – gleich dem Penisbruch von Dieter Bohlen - wahrhaft historischen Ereignisses ist nicht zu rütteln: Irgendwo, meine zwischen Ober-Irgendwo und Unter-Irgendwo abseits der lärmenden Welt an den beiden Ufern eines Bachs gelegene Heimat, ist auf dem sensationell besten Weg, zu einer glänzenden Hochburg in dem durch das Ozonloch bis auf den schlammigen Boden eingetrübten Meer der deutschen Mittelmäßigkeit empor zu steigen. Wie der Fels in der Brandung und der, von emotionaler Verinnerlichung beleuchteten Augen zum Himmel gerichtete Anbetung von F.J.S. in den die Hinterzimmer bevölkernden Führungszirkel der CSU, erklimmt die Weihestätte meiner normal verlaufenen Geburt in gewaltigen Schüben die zyklopischen Stufen zum Licht der sternenflammenden Erhabenheit der kleinbürgerlich gewirkten Ansprache unseres langjährigen Bürgermeisters in der schon fast sakralen Atmosphäre des sommerlichen, vom Bierdunst geschwängerten Festzeltes auf dem vom vibrierenden Leben gefüllten Marktplatz unserer unbeschreiblichen Gemeinde. Nein, wir von den süßen Früchten der Musen reichlich überhäuften Menschenkinder von Irgendwo, haben keinen angeberisch bebauten und von Subventionen dahinvegetierenden Grünen Hügel nötig, um ohne Unterbrechung in der Heimatzeitung und dem Munde der Kundigen präsent zu sein; uns prallt der biblische Balsam und der betörende Duft üppig aus allen Ecken und Enden quellender Genitalität, von der wir Bewohner der Künstlerkolonie mit großer Begeisterung ebenso häufigen wie rauschhaften Gebrauch zu machen wissen. „Heilig halte diese Ekstasen!“ möchte ich mit den Worten des Dichters Christian Morgenstern, den auch mein Freund, der Zahnarzt von Irgendwo, im Ikea-Regal stehen hat, Tag für Tag nach dem Abendgebet dem uns mit Hochkultur segnenden Schicksal zum Lobpreis in sein Gästebuch schreiben. Damit keine seelenlähmende Depressionen auslösende Unklarheit – schon als kleiner Junge mochte ich kein gestocktes Eiweiß in der klaren Fleischbrühe – über die unbezweifelbare Berechtigung, dieser von keinem eitelgegelten Sponsor gestützten, Botschaft in die vom giftigen Neid der Nachbargemeinden erfüllte Welt gelangen und in der örtlichen Heimatzeitung ihren hasserfüllten Niederschlag finden kann, sei als mit der umwerfenden Wucht der Genesis erläuterndes Beispiel für die weltweit nachahmungsfreie, alle herkömmlichen Maßstäbe bürgerlichen Biedersinns und die anerkannten Regeln des ehrbaren Handwerks für die Pflege öffentlicher Grünanlagen sprengenden Wirk-Existenz von Irgendwo, ein gelungener Markstein in der an berichtenswerten Vorkommnissen überreich gesegneten Entwicklungsgeschichte unserer unbeschreiblichen Gemeinde hier geschildert und in beschreibenden Worten festgehalten, nämlich die mit keinem Ruhmesblatt, und sei es noch so weltbewegend wie die sagenumwobenen Brüste von Marilyn Monroe, auch nur annähernd bedeutungsangemessen zu bedeckende vorbildliche hochkulturelle Nebenbeschäftigung unserer Freiwilligen Feuerwehr. Aus voller Kehle sei das von Gottfried Bürger in den Schatz der deutschen Literatur eingeführte Lied von den braven Männern angestimmt, damit es wie Schall und Rauch durch die Lande klinge!
Im Lauf der, wie alles Irdische, der Vergänglichkeit anheimfallenden Zeit, die auch in dieser Hinsicht vor der Holzhackeobsession des letzten deutschen Kaisers – er war nicht nur der letzte, sondern auch das Allerletzte – zur Ausrottung holländischer Waldungen ihren Beginn nahm, fügten es des Schicksals waltend Mächte dem, bis zu den die in der unendlichen Ferne des Kosmos funkelnden Sternen strahlendem Glück für Jung und Alt in meinem im Sommer geraniengeschmückten Geburtsort, dass Otto Friedrich Müller, der damals – man schrieb das Jahr 1912 in die Annalen - amtierende Hauptkommandant unserer Freiwilligen Feuerwehr in einer Sternstunde einen nicht genug zu rühmenden Entschluss fasste. Dieser wackere, wegen seiner legendären Bibel- und Trinkfestigkeit weit über die Irgendwo umgebenden Wiesen und Felder hinaus bekannte und geachtete Mann, begründete dank seiner, auf seinem gewaltigen Schnurrbart gründenden Überzeugungskraft, die das seitherige Dahinscheiden von Generationen überdauernde eherne Tradition, mit seinen Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr jährlich in dem für diesen Zweck leer geräumten Spritzenhaus den vom Leben schwer gezeichneten Bauernschwank „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ zur Aufführung zu bringen. Dieses Paradestück deutschen Schenkelklopfhumors führt, fortdauernd bis zum heutigen Tag, den Zuschauern anhand von einmaligen komödiantischen Verwicklungen, die auf der Bühne zu sehen sind, eine öftere Betrunkenheit der Männer, sowie die ehelichen und außerehelichen Verwicklungen in die Liebe von zwei Ehepaaren (Hauptdarsteller), ansatzweise auch von den Nebenrollen, anschaulich vor Augen. Dieses kunterbunte Treiben, dessen Verstehen durch einige, in das Stück eingeflochtene, aber für die Zuschauer leicht zu durchschauende, Verwechslungen nicht eine Minute lang gefährdet wird, ist sehr lustig und strapaziert daher unentwegt die Lachmuskeln. Dieses, zu den ehernen, der Pflege allen kultivierten Menschen warm ans Herz gelegte, kulturelle Kennzeichen durchdringt bis heute die Hochkultur in den Medien, die nur dadurch gesteigert werden kann – das ist erst ab 21.30 Uhr unter der Auflage, dass sehr kleinteilige Verbergungstextilien die Jugend nicht gefährden, erlaubt -, dass die in den Studios wirkenden Darsteller sich der Tageskleidung entledigen. Das Stück greift völlig authentisch ins volle Leben auf dem Lande welches es in einer Folge von 5 Auftritten auf der Bühne getreulich wiedergibt. Es lässt sich deshalb guten Gewissens sagen, dass der Autor von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ mit diesen Dingen eng vertraut war. Die Schlussfolgerung lässt eine, auf den tiefen Grund gehende, Analyse des Textes zu. Jahr für Jahr brechen die im Spritzenhaus versammelten, mit ihrer Festkleidung versehenen, Bewohner von Irgendwo infolge der Lebensnähe des Bauernschwankes in orkanartige Beifallsstürme aus. Typisch für das herausragende Niveau, das am Festspielort stattfindet, ist insbesondere die turbulente Szene im 2. Auftritt. Am Anfang liegt die ungewöhnlich vollbusige - ausgestopft! Toller Regieeinfall! - Ehefrau mit dem betrunkenen Nachbarbauern in dessen blau kariert bezogenen Ehebett. Sie trägt rote Lockenwickler, denn auf der Bühne ist es Samstag. Sie ist nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet, um ihre Blöße zu bedecken. Dass der Nachbarbauer randvoll betrunken ist, merkt man auf den ersten Blick daran, dass auf dem Boden vor dem Bett neben dem Nachttopf eine fast ausgetrunkene Schnapsflasche steht. Das ist eine sehr kreative Regieüberraschung, sie deutet die Brechtsche Manier an, mit der das überwältigende Bühnenbild das Geschehen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, mit individueller Handschrift kommentiert. Im Bett des Nachbarbauern entdeckt der randvoll betrunkene - Jahr für Jahr in wechselnder Besetzung toll überzeugend vorgeführt - tumbe Bauer nicht seine ungewöhnlich vollbusige Ehefrau, als er, durch die Tür schwankend, die turbulente Szene betritt, denn er hält die Ehefrau des Nachbarn im Arm und ist voll mit ihr beschäftigt. Die gleichfalls ungewöhnlich vollbusige - ausgestopft! Toller Regieeinfall! - Ehefrau des Nachbarn ist auch von Lockenwicklern gekennzeichnet, aber, im Unterschied zur Ehefrau des Bauern, mit blauen. In diesem wichtigen Ausstattungsdetail kommt die vorsokratische Interpretation des Weltgeschehens, die der Autor des Bauernschwanks spielend im Schlaf beherrscht, sehr deutlich zum Ausdruck. Auch sie bedeckt ihre Blöße nur mit ihrer Unterwäsche. Die Ehefrau des Bauern errät jedoch sofort, was ihr Ehemann im Schilde führt, das ist nicht sehr schwer, was sollte er auch sonst mit der Ehefrau des Nachbarn in dessen Schlafzimmer anfangen? Dem tumben Ehemann vergeht sofort das Lachen, weil seine Ehefrau, wie von der Tarantel gestochen, aus dem Bett springt und ihm reinen Wein einschenkt. Sie macht ihm heftige Vorwürfe wegen seiner Untreue, die im Jahr mehrfach stattfindet. Dies führt jedes Jahr zu sehr starken Heiterkeitsausbrüchen und orkanartigen Beifallstürmen im Publikum, das in dem Bauernschwank, der mitten aus dem Leben gegriffen ist, sich selbst erkennt. Bei diesem energischen Handeln der Ehefrau sorgt das Auftreten des völlig, sowie mit Schürze und Häubchen dienstbekleideten Dienstmädchens für den, das ganze Lustspiel kennzeichnenden konsequenten Naturalismus auf der Bühne, indem es der strafenden Gattin – das ist ein dramaturgischer Höhepunkt - das Nudelholz, das sie aus der Küche herbei trägt, in die Hände spielt, damit die Ehefrau ihrem Ärger Nachdruck verleihen kann. In dieser Art geht es Schlag auf Schlag bis zum Ende des Bauernschwanks weiter, sodass der Humor fröhliche Urstände feiern kann. Solches und dergleichen mehr wird auf der Bühne und seit der Uraufführung mit nahezu unverändertem Text – es ist doch immer das gleiche Stück und die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr führen es immer auf Weltniveau auf - tags darauf in der Heimatzeitung mit bald ergreifenden, bald launischen Worten geschildert. Dieser kurze, in dürren Worten niedergelegte Abriss des überbordenden Geschehens im 2. Auftritt beweist unzweifelhaft, dass es dem Autor gelungen ist, in seiner textlichen Komposition auf Weltniveau sehr eindringlich und mit erstaunlicher Virtuosität auf der Bühne eine tief beseelte Intensität Raum greifen zu lassen, eine an die Grenzen gehende geistige Emotionalität freizusetzen und zu versprühen, wie sie außerhalb von Irgendwo allenfalls hoch pubertierende Höhere Töchter zeitigen können. Dadurch hat der Autor die Weltliteratur um ein wertvolles Stück, das ihm so schnell keiner nachmacht, bereichert.
Nur die auch in Irgendwo galoppierende Inflation, die der Erbfeind durch die Schande von Versailles verschuldete, hinderte 1924 den Gemeinderat von Irgendwo daran, der ortsansässigen Gärtnerei P. Deutschmann den Auftrag zu erteilen, zu Ehren des unter dem gleichen Datum verstorbenen Otto Friedrich Müller einen Lorbeerkranz mittlerer Größe mit goldenen Schleifen herzustellen. Infolge des dadurch bewirkten Mangels an trauernde Feierlichkeit verbreitenden Großgebinden, wurde dem Verstorbenen direkt hinter seinem Sarg aus massiver Eiche, noch vor der von tiefer Trauer gezeichneten Witwe, nur das von Otto Friedrich durch den Verlust eines Beines auf flandrischer Erde verdiente Eiserne Kreuz auf einem frisch mit schwarzem Samt bezogenen Sofakissen hinterher getragen.
Die jährliche Tradition des vor Lustigkeit schier berstenden Bauernschwanks von Irgendwo wurde bisher nur 1940 – 1944 unterbrochen. In dieser Zeitspanne führten die Frauen der Männer von der Freiwilligen Feuerwehr im zu diesem Zweck leer geräumten Spritzenhaus das deutsche Heldenepos „Der siegreiche Ritt unserer strahlenden Helden gen Osten“ auf. In diesem Stück gab es nicht so viel zu lachen wie in „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“, doch war auch diese Szenenfolge von wahrem Deutschtum reich gefüllt. Die Besetzung aller Rollen durch Frauen war kein Vorgriff auf das moderne Regietheater, denn die Frauen hopsten nicht nackisch auf der Bühne herum. Vielmehr trug an dieser Besonderheit der Umstand schuld, dass in dem genannten Zeitraum die zum soldatischen Einsatz für Führer, Volk und Vaterland fähigen Männer von Irgendwo als Helden im Feld der Ehre standen, wo einige von ihnen unter Hinterlassung junger Witwen auch verblieben, weil sie dort fielen und nicht mehr aufstanden. Das Leben hält, nicht nur auf der Bühne, Freud und Leid, die manchmal tragisch enden, auch für uns Menschen in Irgendwo bereit.
Vor zwei Jahren feierte die Bühnenkameradschaft der Freiwilligen Feuerwehr in körperlicher und geistiger Frische ihr 186jähriges Bestehen. Aus diesem festlichen Anlass kam im Spritzenhaus die folgende Tagesordnung zur Durchführung.
TO. 1 Die Trachtenkapelle, die in Irgendwo ebenso wie der Bauernschwank, hochkulturellen Charme besitzt, intonierte unter vollem Einsatz aller verfügbaren Kräfte – unter ihnen taten sich neben ihrem bewährten Dirigenten besonders die Bläser, unter denen sich seit Jahren auch junge Frauen befinden, an den Posaunen hervor – das „Badnerlied“. Diese von einem sprühenden Funkenregen von berauschenden Tonklängen durchgeistigte Darbietung fand die ungeteilte Zustimmung aller Zuhörer, einigen von ihnen traten sogar, von unerschütterlicher Vaterlandsliebe und überwältigenden Regungen ihrer Seelen ergriffene, hervorgerufene Tränen in die Augen, für die sie sich nicht schämten, weshalb sie auch, als die Trachtenkapelle mit Bravour die komplette Partitur nahezu fehlerfrei bewältigt hatte, in lautes, auf dem Höhepunkt der Lautentwicklung sogar frenetisch ausuferndes, Klatschen der Hände verfielen. So was geschieht nicht alle Tage.
TO. 2 Als sich die tobende Halle nach diesem Begeisterungssturm ziemlich beruhigt hatte und gespannt auf die nächste Attraktion wartete, wurde die Stimmung in ihr von getragen feierlichem Ernst erfüllt. Der an seiner Amtskette, die er um den Hals hängen hatte, unschwer auf einen Blick erkennbare langjährige Bürgermeister unserer unbeschreiblichen Gemeinde schritt gemessenen Schrittes zu einem kleinen Podium, das vom gemeindeeigenen Bauhof am Vortag vor der Bühne zwischen zwei Lorbeerbäumen aufgestellt worden war. Er bewältigte die hinaufführenden beiden Stufen ohne ins Stolpern zu geraten oder andere, die jetzt zum Zerreißen gespannte Stimmung unterbrechende, Zwischenfälle, dann konnte er von der erhöhten Position aus in der von ihm benutzten gewählten Sprache die Feschdrede halten. Zuerst begrüßte er alle, wo gekommen waren, namentlich an ihrer Spitze den Hochwürden Herrn Pfarrer, wo auch schon langjährig in der Gemeinde sein segenreiches Werk verrichtet, sowie, im Anschluss daran, den Gesamtkommandanten der Freiwilligen Feuerwehr samt seiner verehrten Gattin, die den Weg ins Spritzenhaus nicht gescheut hatte. Bei dieser Begrüßung versprach er, gleich auf den Gesamtkommandanten zurück zu kommen. Aber zuerst müsse er eine freudige Pflicht erfüllen, weshalb er alle Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr für ihre aufopferungsvolle Kameradschaft im Namen des vollen Herzens der Gemeinde mit lobenden Worten bedankte. Die Langjährigen, die 25 oder 40 Jahre bei der Freiwilligen Feuerwehr durch Dick und Dünn die treue Kameradschaft hielten, beurkundete unser langjähriger Bürgermeister mit einem Schriftstück aus Büttenimitat, das in einer Klarsichthülle vor widrigen Einflüssen geschützt war, und gab ihnen eine Ehrennadel, und bedankte sie nochmals – was hätte er auch sonst sagen sollen? - besonders herzlich. Dann war der Zeitpunkt gekommen, um auf dem Gesamtkommandanten zurück zu kommen. Dieser war im Lauf des vergangenen Jahres Nachfolger geworden und hatte ein schwieriges Erbe angetreten, weil sein verdienstvoller Vorgänger nach langer und schwerer, mit großer Geduld ertragener Krankheit, plötzlich und unerwartet von uns dahingeschieden und uns in die ewige Heimat vorausgegangen war. Auf Aufforderung unseres langjährigen Bürgermeisters hin standen alle Anwesenden von den Holzbänken auf, um dem schmerzlichen Verlust ein ehrendes Gedenken zu bewahren. In Irgendwo gehört dieses altehrwürdige Ritual eines gewachsenen Anstands seit unseren Vorfahren zu den in Ehren gehaltenen Traditionen, bevor die Aufführung des Bauernschwanks als kultureller Höhepunkt des Jahres naht.
3. Vor dem Tagesordnungspunkt 4., bei dem, nachdem das Podium und die beiden Lorbeerbäume aus dem Spritzenhaus entfernt worden waren, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Darbietung von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof erfolgte, berichtete unser langjähriger Bürgermeister von dem freudigen Ereignis, das zu verkünden er die große Freude und Ehre habe. Strahlenden Angesichts erläuterte er den nach zähem Ringen nahezu einstimmig gefassten Beschluss des Gemeinderates, 25,50 € aus dem Vermögens- in den Verwaltungshaushalt zu überführen, und für diese Summe 12 neue Glühbirnen für die Ausstattung der Bühne im Spritzenhaus anzuschaffen. „Schon im vorletzten Jahr, liebe Gemeinde“, rief er mit erhobener Stimme sehr laut die Worte in das bis auf den letzten Platz besetzte Spritzenhaus, „haben wir nach langjährigen Vorbereitungen den historisch zu nennenden Beschluss gefasst, die Fremden, wo wegen ihres Urlaubs in unsere Gemeinde kommen, künftig „Tourischde“ zu nennen. Und letztes Jahr folgte ein weiterer mutiger Schritt im Rahmen unserer Globalisierung, wo auch in unserer Gemeinde eingetreten ist, und seither sagen wir zu unsere Proschbekte „Imagebroschüre“ oder „Fleier“, je nachdem. Konsequent hat nun der Gemeinderat, in entschlossener Verfolgung des hoch gesteckten Ziels“ endete die Feschdrede, „mit der Anschaffung der neuen Glühbirnen in beeindruckender Weise dokumentiert, welch hohen Stellenwert er der Kultur in Irgendwo einräumt.“
Die Schilderung des Entwicklungsprozesses von „Liebe und Leid auf einem deutschen Bauernhof“ und seiner Bedeutung soll darauf einstimmen, dass Yvonne Z. in diesem Jahr der Hochkultur von Irgendwo durch ihre unbezähmbare Kreativität die Krone aufgesetzt hat. Von diesem Ereignis wird demnächst die Rede sein.
... link (0 Kommentare) ... comment
... older stories