Dienstag, 12. Juni 2012
Laura oder: warum Kühe keine Flügel haben
ES KANN JA NICHT SCHADEN, DIE UNTERSCHIEDLICHEN MYTHEN VON „STADTLEBEN“ UND „LANDNATUR“ AUF EINE ETWAS REALISTISCHERE GRUNDLAGE ZU STELLEN


Was das banale (?) Alltagsleben der Menschen im Allgemeinen betrifft, so ist es auf dem Land ganz anders als in der Stadt, was eigentlich nicht verwunderlich ist, und sich deshalb kaum für eine spannende Einleitung für einen diesbezüglichen Essay eignet. Meistens ist das Leben im Allgemeinen sehr schön, insoweit gibt es auch von einer Gemeinsamkeit zu berichten. Was das übliche Geschlechtsleben im speziellen angeht, so geschieht es weder da noch dort alltäglich, aber gelegentlich auch im Alltag. Auch das ist sowohl auf dem Land als auch in der Stadt meistens sehr schön. Dass man auf dem Land lebt, erkennt man ganz eindeutig daran, dass es hier sehr viele Kühe gibt, wovon ein Teil auf den Wiesen, der andere Teil in den Anbindeställen steht. In der Stadt gibt es keine Wiesen und Ställe, sondern nur Grünflächen, deren Betreten verboten ist, damit dort die Hunde ungestört ihre Haufen loswerden können, und nur Garagen. Deshalb stehen dort keine Kühe herum, sondern viele Autos im Stau. Wenn die Kühe noch jung sind, werden sie von den Einheimischen unterschiedslos als „Kälber“ bezeichnet. Ungefähr ist das so, wie die Städter ihren Nachwuchs undifferenziert „Kinder“ nennen. Wenn die Kinder älter werden, unterscheiden die Städter nur zwischen Mädchen und Jungen. Auf dem Land dagegen ist die Ausdifferenzierung der Arten, wenn die Kälber älter werden, vielfältiger. Dann gibt es Färsen, Kühe, Bullen, Ochsen ... usw. Auf dem simplen Niveau der Städter lassen sich jedoch auch auf dem Land zwei Gruppen von Kühen sehr einfach unterscheiden: „Muhli“ sind alle Kühe, die einen Euter kurz vor den Hinterbeinen unter dem Bauch hängen haben. Sie sind ganztags mit der Erzeugung von „Milch“ beschäftigt. Das ist ein Produkt, das die Städter als Inhalt von Tetrapacks im Kühlregal des Supermarktes kennen. Die anderen Kühe sind „Nicht-Muhlis“, die unter dem Bauch kurz vor den Hinterbeinen keinen Euter hängen haben. Sie bewirken ganztags die Erzeugung von Produkten, die die Städter als Ochsenbrust, Rouladen, Gulasch o.ä. von der Fleischtheke des Supermarktes her kennen. Wenn wir von dem beschränkten Unterscheidungsvermögen der Städter, die gerade noch für „Muhli“ oder „Nicht-Muhli“ ausreicht, auf das differenzierte Einsichtsvermögen der Landlebigen umschalten, können wir feststellen, dass die „Nicht-Muhlis“ in mehrere Sorten trennbar sind. Diejenigen, die dort wo die Muhlis einen Euter mit mehreren Zitzen hängen haben, einen nicht ganz fußballgroßen Sack mit einer einzigen Zitze daran baumeln haben, werden „Bulle“ genannt, die „Nicht-Muhlis“, denen ihre Lebensfreude entfernt wurde, heißen „Ochsen“, welche eine besonders zarte Ochsenbrust abliefern, zu der Senf, Preiselbeeren und frisch geriebener Meerrettich gehören. Die Reste ihrer Verdauung, die auf dem Land „Scheiße“ genannt werden, geben die Kühe in der Form von Fladen von sich. Stehen die Kühe im Stall, so werden diese Fladen im Schwemmsilo zu Gülle, welche zweimal im Jahr aufs Feld geführt wird. Trennen sich die Kühe von ihrer Scheiße auf der Wiese, wobei sie ihren Schwanz etwas merkwürdig anheben, dann bezeichnen die Ökologen das Produkt als Naturdünger. Wenn die Städter die Reste ihrer Verdauung von sich geben, so nennt man das nicht „Scheiße“, sondern „anregendes Partygespräch“. Was manchmal auch ein merkwürdiges Anheben des Schwanzes zur Folge haben soll.

Ungezählt sind die beiderseitigen Vorurteile, die die Städter von den Menschen trennen. Deren Berechtigung wollen wir an einem Beispiel – pars pro toto – darstellen, und sie danach anhand einer tiefer gehenden Analyse erklären.
Da sind zum Beispiel die tiefergelegten Hosengurtträger-GTI’s, in denen sich die Städter von roten Ampeln abbremsen lassen. Auf dem Land gibt es keine Ampeln, und wenn es sie gäbe, würde ein GTI-Landbursche sich niemals von so einem läppischen-städtischen Schnickschnack aufhalten lassen. Die fürchten noch nicht einmal Leitplanken und Alleebäume am Straßenrand. Weshalb auf dem Land Holzkreuze nicht nur auf dem Friedhof, sondern auch an den Straßengräben stehen. Was in der Stadt schon deswegen nicht möglich ist, weil jeder asphaltierte Straßenrand als Parkraum benötigt wird. Bei der tiefer gehenden Analyse stoßen wir bei der vergleichenden Betrachtung von Stadt- und Landleben auf existentiell-grundsätzliche Unterschiede. Vereinfacht gesagt: in der Stadt kann man wohnen, auf dem Land leben. Städter verwechseln das Leben auf dem Land mit Folklore. Sie kennen es ja nur aus dem „Musikantenstadel“ und „Landarzt Dr. Alois“. Die Menschen auf dem Land dagegen unterscheiden genauer. Die „Bauern“ begreifen sich als Lebensform, welche vor allem von Subventionen lebt. Die anderen verstehen sich als „Landwirte“, als Wirtschaftsunternehmen, die auch von Subventionen leben. Nicht nur Städtern wird dieser Unterschied für immer unverständlich sein.

Neben dem erwähnten Erkenntnismerkmal „Kühe“ ist es auch die Art der Menschen, die die Städter von der Landbevölkerung unterscheidet. Schaut man sich die Menschen allerdings nur oberflächlich an, so kann man keine Unterschiede erkennen. Bei den Teilen, die immer sichtbar sind, bestehen sie aus Beinen, Rumpf und Kopf. Die Teile, die meistens unsichtbar sind, teilen sich, je etwa zur Hälfte, in weibliche bzw. männliche Ausformungen.
Der wesentliche Unterschied wird erst dann erkennbar, wenn man bemerkt, dass die Stadtbewohner „Briefkästen“ nennen, was für die Menschen auf dem Land „Nachbarn“ sind. Fremde Briefkästen im Hausflur nimmt man zwar wahr, doch deren Inhalt kennt man nicht. Die Nachbarn kennt man. Auf der Fensterbank des Küchenfensters hat jeder Mensch auf dem Land ein Fernglas liegen um die Nachbarn aus der Nähe zu beobachten. So ist für genügend Gesprächsstoff gesorgt, um beim nächsten Grillfest der Freiwilligen Feuerwehr jene Nachbarn durchzuhecheln, die gerade ein paar Tische weiter außer Hörweite sind.
Wenn auf dem Land ein Nachbar stirbt, betet das ganze Dorf gemeinsam den „Schmerzhaften Rosenkranz“ für ihn, bevor er drei Tage später der Erde übergeben wird. Wenn bei den Städtern „plötzlich“ und „unfassbar“ „allzu früh“ ein Bekannter „von uns gegangen ist“, schickt man eine vorgedruckte „In-tiefer-Verbundenheit-Karte“, die es in vielen Varianten zu kaufen gibt. In den sogenannten „besseren Kreisen“ der Städter kann man sich einen Kranz ersparen, weil die Verstorbenen aus den besseren Kreisen Ehrenämter in Organisationen hatten, für die man anstatt Kranzspenden spenden muss. Das ist sehr praktisch, weil die Finanzbuchhaltung das als Betriebsausgabe erledigt, und man der Trauerfeier im engsten Familienkreis entschuldigt fernbleiben kann.
Vorausschauend in die Zukunft muss leider angemerkt werden, dass sich das Leben auf dem Land immer mehr dem in der Stadt angleicht. Es wäre vielleicht noch zu ertragen, dass inzwischen die ARD und das ZDF flächendeckend zu empfangen sind. Die Landbevölkerung ist das Leben mit Gülle gewöhnt. Aber lt. neuester Untersuchung von „infomap“ sind derzeit bereits 73,5 Prozent der unter 39-Jährigen auf dem Land an das Internet angeschlossen. Ländler und Städter glotzen gleichzeitig die gleichen Pornos. Wo soll das hinführen? In die Umformung von zwei unterschiedlichen Kulturen in einen Einheitsbrei von Unkultur? Noch ist es nicht soweit, besteht noch die Kluft der Kulturen zwischen Stadt und Land, was besonders ins Auge springt, wenn es Kinder aus der Stadt aufs Land verschlägt. Ein Freund hat mir kürzlich von einem solchen Besuch berichtet.



KÜHE HABEN KEINE FLÜGEL UND DIE MILCH KOMMT AUS DEM SUPERMARKT

Immer wenn der sanftmütige Johannes, ein in Ehren ergrauter Alt 68-er, zu einer auskömmlichen Frühpension als Oberstudienrat a.D. gekommen, seine Enkelin Laura gelegentlich über das Wochenwende zu sich in sein toprenoviertes Bauernhaus in einem Teilort auf dem Land einlud, wusste er, dass ihm schwierige Tage bevorstanden. Er nahm diese Belastung gerne und bereitwillig auf sich, wollte er doch nicht nur seiner Tochter und deren Lebenspartner, den Eltern von Laura, ein ungestörtes Bumsen in ihrer 2 ½ Zimmer-Wohnung mit Bad drunten in einer Stadt der „Täler“ ermöglichen, sondern auch seiner Enkelin, dem Stadtkind, gleichzeitig die Grundzüge einer naturnahen Lebensweise vermitteln. Auch zu bürgerlichen Mitteln gekommene Alt 68-er können das Vermitteln nicht lassen. Dieser humane Doppelwille aber war nicht die eigentliche Schwierigkeit, von der kurz zuvor die Rede war. Laura war im besten nervigen Fragealter. Mutig stellte sich Johannes dem auf ihn zukommenden Stress, so letztmals vom 15. auf den 16.09.2011. Gleich nach Lauras Ankunft in seinem toprenovierten Bauernhaus dachte Johannes, ihr – der 2 ½ Zimmer-Wohnung mit Bad Entkommenen – täte es zuerst einmal gut etwas Landluft zu schnuppern, um erste einfühlende Befindlichkeit und Empfindsamkeit für die Wunder der Mutter Erde, für eine naturnahe Lebensweise herzustellen. Er führte Laura hinaus zu den Weiden, auf denen braun-weiß-gefleckte Kühe, wie sie auf dem Land häufiger auf einer Wiese anzutreffen sind, wobei sie sich vom Gras und die Bauern sich von den dafür gewährten Subventionen ernähren, grasen.

J.: „Schau mal Laura, da grasen braun-weiß-gefleckte Kühe!“
L.: „Schon gerafft, Opadaddy, echt grass cool, aber warum haben die Kühe keine Flügel?“

Da ging die Nerverei schon los. Johannes entschloss sich, von den Fesseln seiner frühkindlichen Erfahrungen mit der das-ist-so-Pädagogik längst selbstemanzipatorisch befreit, ohne jedes Zögern auf die Frage nicht mit dem Klapperstorch oder ähnlich kindischen Welterklärungen zu kommen, sondern mit den Möglichkeiten einer wirlichkeitshinterfragend- anschauenden Pädagogik zu antworten.

J.: „Ich will es dir zeigend-erklären, Laura. Schau doch, das wichtigste an den Kühen ist ihr Euter.“
L.: „Euter, was ist denn das schon wieder?“
J.: „Das ist der runde Sack der da unten hängt, in dem machen die Kühe Milch.“
Laura schaute ihren Großvater Johannes fragend-belustigt an.
L.: „Sag mal Opadaddy, willst du mir jetzt ein Märchen erzählen?“
J.: „Wieso ein Märchen, liebe Laura, ich will dir doch nur die ökologische Lebensweise auf dem Land, so wie sie uns unsere Mutter Erde beschert hat, zeigen.“
L.: „Klar, du willst mir ein Märchen erzählen, finde ich total uncool. Mein Papi hat gesagt, mit dem runden Sack, der da unten hängt, macht man der Mami ein Baby, und die Milch holen wir beim REWE.“

Kurz stand das ganze Dilemma der Aufklärung zwischen Johannes und seiner Enkelin Laura. Führt diese doch, in unterschiedlichem Kontext erfolgt, - hier eine 2 ½ Zimmer-Wohnung mit Bad drunten bei den städtischen „Tälern“, dort bei einem toprenovierten Bauernhaus auf dem Land – zu sehr unterschiedlichen Erkenntnissen. Doch der in endlosen Palavern von Parteitagen, Selbsterfindungsworkshops und dergleichen unfruchtbaren Mühseligkeiten gestählte 68-er Johannes ließ sich keinen Augenblick von seinen anschauend-pädagogischen Bemühungen abhalten.

J.: „Schau mal Laura, das ist so. Du siehst die braun-weiß-gefleckten Kühe, die haben einen dicken Euter, in dem sie die Milch machen, das ist anders als bei deinem Papi, der keine Milch macht. Wenn dann die Kühe gemolken werden, kommt die Milch heraus und wird in einer umweltkorrekten Verpackung, damit keine Keime rein kommen, zum REWE geliefert.“
L.: „O.K. Opadaddy, das habe ich gerafft. Aber das ist doch genau wie bei Papi. Der verpackt auch seinen Sack, damit bei Mami keine Keime reinkommen. Total cool und echt geil. Aber, Opadaddy, du hast mir immer noch nicht gesagt, warum die Kühe keine Flügel haben.“
J.: „Sieh mal Laura, du hast doch jetzt gesehen, dass die Kühe in ihrem Euter Milch machen, die wir für unser Müsli brauchen.“
L.: „Aber warum haben sie dann nicht auch noch Flügel?“
J.: „Genau deswegen. Mit ihren Flügeln würden sie mit der Milch einfach wegfliegen und wir hätten keine für das Müsli.“
Laura blieb hartnäckig mit einer Logik, die in ihrem Alter auf weit fortgeschrittene Reife schließen lässt, wie wir Erwachsene sie unseren Kindern nicht zutrauen. Weshalb eigentlich nicht?
L.: „Gut, das finde ich o.k. Aber mit ihren Flügeln könnten die Kühe doch direkt zum REWE fliegen!“

Johannes sah, dass er an dieser Stelle mit einer wirklichkeitshinterfragend-anschauenden Pädagogik nicht mehr weiterkam. Er entschloss sich, sich auf das höhere Niveau fortgeschrittenen logischen Denkvermögens, wie es unverdorbenen Kindern wie Laura zu Eigen ist, zu begeben; wobei er anfangs den klassischen sokratischen Frageweg beschritt.

J.: „Gut Laura. Angenommen, die Kühe fliegen mit ihrer Milch zum REWE. Wo sollen sie dort landen?“
L.: „Dumme Frage Opadaddy, natürlich auf dem Parkplatz.“
J.: „Laura, hast du schon einmal eine braun-weiß-gefleckte Kuh auf dem Parkplatz beim REWE parken sehen?“
L.: „Du fragst aber einen Scheiß, Opadaddy. Nein, habe ich nicht. Wenn Mami und Papi dort die Milch holen ist der Parkplatz immer mit Autos zugeparkt.“
J.: „Siehst du Laura, weil die Kühe nicht beim REWE landen und dort parken können, haben sie auch keine Flügel.“
Laura war für eine kleine Weile nachdenklich, jedenfalls hielt sie für 9 ½ Sekunden den Mund. Johannes spürte derweil – jedenfalls glaubte er es -, dass er mit der Aufklärung eines Stadtkindes, aufgewachsen in einer 2 ½ Zimmer-Wohnung bei den städtischen „Tälern“ ein großes Stück weiter gekommen war. Listig nutzte er das Schweigen von Laura, um das Thema nicht wieder aufflammen zu lassen, wobei er bei der sokratischen Fragetechnik verblieb, um einem Themenwechsel zuvorzukommen.
J.: „Sag mal Laura, magst du eigentlich Hähnchen mit Pommes?“
L.: „Dumme Frage Opadaddy, mit Majo und Ketchup. Echt geil.“
J.: „Hab ich alles da, gibt es nachher.“
L.: „Krass cool. Aber – sag mal Opadaddy, du erzählst mir da nicht schon wieder ein Märchen?“

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