Sonntag, 10. Juni 2012
Weshalb man unter starkem Akoholeinfluß nicht geigen sollte
Selbstverständlich werden auch Sie, wie die meisten Leserinnen und Leser, die folgenden Gedanken mit einem ein wenig blasierten Lächeln überschlagen. Vielleicht auch mit einem überreichlich blasierten. Das entspricht nicht nur Ihrem Recht, sondern auch Ihrem Niveau. Sind Ihnen doch die aufgeführten Argumente völlig geläufig, sodass deren Neuigkeits- und Unterhaltungswert gegen Null tendiert, womit sie allerdings noch weit über dem Niveau von Fernsehen und den Yellows stehen. Sie werden meine Gedankeleien amüsiert lächelnd tolerieren, wohl wissend, dass ein Schreiberling halt irgendwie die Seiten füllen muss, um seinem Werk zu einem marktfähigen Umfang zu verhelfen. Welcher Verleger, welcher Intendant, welches konsumierende Publikum kennt in unserer internetgeplagten Zeit noch den Unterschied zwischen Umfang und Format?

1.
Unter starkem Alkoholeinfluss sollte man nicht geigen, weil ein solcher ganz generell sehr schädlich ist, zum Beispiel für die Leber, für den Umsatz nicht alkoholischer Getränke und den Glauben an das Gute im Menschen, der nur unter starkem Alkoholgenuss Besitz von uns ergreifen kann.

2.
Starker Alkoholgenuss verbietet sich schon deshalb, weil danach a) sowohl die Reintönigkeit als ein Lagewechsel kaum noch vollziehbar sind, bezie-hungsweise b) die Erinnerung an den Genuss des Vorabends am nächsten Morgen große Lücken aufweist. Eine Sonate mit vergessenem zweiten Satz kann nicht einer ‚Unvollendeten’ gleichgesetzt werden, obwohl beide irgendwann mal aufhören.

3.
Starker Alkoholgenuss beeinträchtigt die Standfestigkeit und gibt oftmals den Gravitationskräften die Oberhand. Virtuoses Geigen hat jedoch nach einer gesellschaftlichen Übereinkunft stehend auf dem Podium zu erfolgen. Wer hat je einen Virtuosen auf dem Boden vor dem Orchester liegend geigend gesehen? Wobei ständig die Gefahr besteht, dass virtuoses in virtuelles Geigen übergeht. Das sähe wirklich nicht gut aus, und würde gehörmäßig auch nicht als wohltuend empfunden. Ein Geiger kann sich nach starkem Alkoholgenuss weder am Instrument selbst noch dem dazugehörenden Bogen festhalten um eine geigenadäquate Position zu bewahren. Echte Geiger sind standfest und überhaupt. Sonst wären sie ja Bläser geworden.

4.
Das fachkundige Publikum, das nicht mittels eines Dienstags-Abonnements sich sehen lassen, sondern Hörenswertes genießen will, erkennt sehr rasch, wenn der Geiger wegen eines vorangegangenen Griffes zur Flasche seine Geige nicht mehr im Griff hat. Er weiß sehr wohl eine zitternde Hand von einem Vibrato zu unterscheiden.

Das sind die wichtigsten Gründe, weshalb man unter starkem Alkoholeinfluss nicht geigen sollte.

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