Samstag, 25. August 2012
Comeystar Harry
EIN ABEND MIT COMEDY

Der Sänger auf die Bühne trat,
Schlicht, ohne sich zu rühmen.
Ein Hauch von Bier und Fleischsalat
Verlor sich in Parfümen.
(Joachim Ringelnatz)

Ich berichte aus einer kürzlich vergangenen Zeit, denn es geschah an einem dieser trüben Sonntage im Advent. Weshalb weiß ich nicht, aber es blieb in meiner Erinnerung, wie so manches. Beim Frühstück zündete ich den Adventskranz an. Er brannte schön, aber das vertrieb nicht meine Eintrübung. Da raffte ich mich auf, rief bei unserer Mehrzweckhalle an, denn ich hatte soeben beschlossen, zu meiner Erheiterung einen als Kabarett auf höchstem Niveau angekündigten aus Funk und Fernsehen sehr bekannten deutschen Comedystar – auf Weltniveau, versicherte die Werbung -, der am Abend in der städtischen Mehrzweckhalle zur Aufführung gebracht wurde, zu besuchen. Das wurde auch sozusagen, ähm, irgendwie total.

Gleich zu Beginn ging das Kabarett los. Der Comedystar Harry – einer der dauergrinsenden von der Quatschgilde, Quotenkönig beim TDF, stellte sich schnell heraus, seine angeborene Talentlosigkeit quoll ihm aus allen Poren gleich dem Besatz des Brusthaartupets aus dem geöffneten Hemd; trauriges Ergebnis eines dünnen Ejakulats - brachte bei den Zuschauern das Zwerchfell zum Erschüttern, als er ihm zu Gehör brachte, wie er versicherte, es sei ihm eine hohe Ehre und er freue sich auch, in dieser wunderschönen Mehrzweckhalle sein Bestes geben zu dürfen. Infolge dieses stimmungsgewaltigen Wortschatzes, den der Star am laufenden Band in geschliffener Sprache ablieferte, erreichte er durch seinen funkelnden Humor – zu dieser frühen Abendstunde noch oberhalb der Gürtellinie – spielend das angekündigte Weltniveau, das er den ganzen Abend über beibehielt. So führte das erschütterte Zwerchfell zudem zu heftigem Schenkelklopfen, welchem sich das Publikum restlos hingab. So stand es im Bericht über das kulturelle Ereignis der Lokalzeitung. Was es in Deutschland nicht alles gibt.
Gleiches geschah bei der unheimlich tief gehenden Moritat – so urteilte der Blödmann seine Darbietung, gezeichnet von fäkebukischer Demenz, selbst, ich hatte den Eindruck, der eierlose Saftsack meinte das im Ernst – „Als ein Juchtenkäfer den Kapitalismus rette.“ Beim Erzählen verzog der Vortragende, weiß Gott warum, die Mundwinkel nach unten. Da brach mein Nachbar in dröhnendes Lachen aus. Ich fragte ihn besorgt, ob er o.k. sei. Zwischen seinem Japsen konnte ich ihn verstehen, dass der wahnsinnig witzige Quizmaster im Moment ganz doll Angela Merkel nachahme. Trotz dieser Belehrung über die stereometrische Darstellung von Angela Merkel konnte ich nicht lachen. Ich fand, dass mir nicht danach zumute war. Es erregte mich nicht.
Bald darauf ließen nicht enden wollende Lachsalven die Mehrzweckhalle in ihren Grundfesten erbeben. Der Comedystar erläuterte nämlich, er wolle jetzt mit satirischem Klartext seine beste Nummer zeigen. Er war endlich auf dem Niveau des Hodenkitzlers Mario Bath, dem Tittenfernsehen als Massenunkultur, angekommen. Er löste seinen Gürtel und ließ die Hosen, auch seine Unterhose, die mit Herzchen bedruckt war, runter. Durch diesen tollen Einfall, bekannt durch Funk, Fernsehen und viele Aufführungen von Faust und Hamlet in Stadttheatern, war als einer der Höhepunkte des Abends sein Schniedel zu sehen. Ein Vorzeigestück des Snobismus der Dummheit. Der war zwar das Übliche, hatte keine Weltextraklasse – nun, für 8,50 € kann man nicht mehr verlangen -, aber der Comedystar erklärte, mit dieser satirischen Kostbarkeit wolle er die Situation in unserer Überflussgesellschaft entlarven und hinterfragen; wir alle müssten den Gürtel enger schnallen. Der Schniedel des Comedian floss allerdings nicht über, das ist beim Unterwäsche- und Spermatheater unserer städtischen Bühnen, das sich Regietheater nennt, besser geregelt. Man muss Verständnis dafür haben, die cortexreduzierten Dauergrinser vom Matschgewerbe führen keine Glanzstücke des Regietheaters mit seiner grenzdebilen Unterkomplexität auf. Sondern „kabarettistische“ Events. Seinen Gürtel schnallte er enger, nachdem er seine Unterhose und Hose hochgezogen hatte. Wie sich in diesem Augenblick zeigte, hatte sich die Darbietung des Besten Harrys, des Quotenkönigs vom ZDF, das er trefflich ins Scheinwerferlicht gestellt getragen hatte, zu einem Härtetest für die Lachmuskeln entwickelt. Donnernder Applaus belohnte diesen Mega-Auftritt vor einem restlos begeisterten Publikum, der sich zu einem Orkan steigerte, als der Comedystar mit seinem unerreichbaren, manchmal akrobatischen Wortwitz sein Publikum zu stehenden Ovulationen aufforderte. Eine grenzenlose Heiterkeit wie im Ballermann auf Mallorca breitete sich aus, so lacht der von digitaler Diarrhoe gezeichnete Teil der Bevölkerung bei seiner täglichen Verdummungsandacht vor der Matschscheibe. Das Publikum war nun total entfesselt, schrieb ein paar Tage später die Regionalzeitung in ihrer Beschreibung des Abends mit der Weltklasse. Die Zeitung begründete allerdings nicht ihr Urteil, wozu auch, sie bildet doch bloß.
So vergingen die knapp zwei Stunden wie im Flug. Zahllose funkelnde Diamanten deutschen Humors, teilweise mit seinen Banalsekreten auch die Zustände in unserer Gesellschaft mit seiner satirischen Ader und mit Augenzwinkern persiflierend, zwei Stunden unterbelichteten Geschwafels, hatte der Comedystar Harry zur Aufführung gebracht. Die unvergesslichen Stunden des gelungenen Abends in unserer Mehrzweckhalle werden mir in der Erinnerung bleiben.

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Mittwoch, 22. August 2012
DAS ÜBEL LIEBE
Die Liebe hemmet nichts;
sie lutscht enthemmt am Schokoriegel,
Pommes, Ketch und Majo fürchterlichst;
schlinget jeden Scheiß in sich.
Sie ist vom Anbeginn wie verdorbenes Geflügel,
da das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

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Samstag, 18. August 2012
Patchwork
CHRISTIANE
Leben unter der Patchworkdecke


Schon sehr, sehr lange, zumindest seit die HEILIGE SCHRIFT geschrieben ist, wissen wir, was ein einwandfreier Stammbaum ist. „ADAM: SETH: ENOS: KENAN/ MAHALALEEL/ Jared/ Henoch/ Methusalah/ Lamech/ Noah/ Sem/ Ham/ Japheth.
Die Kinder Japhet sind diese/ Gomer/ Magog/ Madai/ Jauan/ Thubal/ Mesech/ Thiras. Die Kinder aber Gomer sind/ Ascenas/ Riphat/ Thogarma. Die Kinder Jauan sind/ Elisa/ Tharsisa/ Chitim/ Dodanim.“ (D. Martin Luther, Die gantze Heilige Schrift, Band 1, DTV 1974, S. 740)

Ein ordentliches Kind, und ein deutsches zumal, hat ordentliche Eltern und alle haben einen ordentlichen, einwandfreien Stammbaum zu haben. Wie soll denn ein Kindsegen zu staatstragenden Bürgern gedeihen, wenn die Mutter nicht standesamtlich registriert, und in gleicher Weise ein Vater amtlich beglaubigt ist? Also braucht es richtige Eltern („richtig“, also mit amtlichem Siegel versehen), von denen alleine auch Geschwister herkommen, bis der Tod sie scheidet. Die richtigen Eltern ihrerseits stammen von richtigen Großmüttern und Großvätern ab, von denen Tanten und Onkeln, von diesen wiederum Cousinen und Cousins abstammen, weshalb es saubere, amtliche Stammbäume über Generationen hinweg gibt. Klar, übersichtlich, ordentlich, in Klarsichtsfolien in DIN A4-Leitzordnern, geordnet unter einem Übersichtsregister ablegbar.

Wen wundert es angesichts der heutzutage grassierenden, unübersichtlichen, unordentlichen, nahezu gemeinschaftszersetzenden Verhältnisse, dass Teilzeitabschnittslebenspartner ihr (?) Kind nicht mehr beim Pfarrer zur Taufe vortragen? Was soll denn der Arme in das leinengebundene „Stammbuch der Familie“ eintragen, da die klaren Stammbäume von wildem Gebüsch und verästelten Netzwerken überwuchert sind (es soll nicht verschwiegen werden, dass es auch noch weitere, gute Gründe für solches Verhalten gibt, aber das ist ein anderes Thema)? Wie sollen die Betroffenen – wenn es wieder einmal soweit ist – einen lückenlosen Rassenachweis führen? Seit urdenklichen Zeiten führen wir Grundstücksregister, um zu wissen, wer der Eigentümer eines Flurstücks ist, man muss doch eindeutig wissen, wem das Betreten verboten ist. Und genau aus gleichem Grunde brauchen wir weiterhin Stammbäume und Stammbücher, um zu wissen, wer amtlich als Frucht von welchem Acker anzusehen ist, den andere nicht betreten dürfen. Klare Ordnung und klarsichtfoliengeeignete Zuordnung ist die grundlegende Voraussetzung jeglicher abendländischen Moralität, die uns eine nicht hinterfragbare Richtschnur dafür gibt, was „Sitte, sittliches Verhalten“ (Duden Lexikon, rororo 1966, S. 1463, Stichwort: Moral) ist.

Geben Sie es doch zu, selbst ein CDU-Mit-Glied wäre gerne mit von der Partie gewesen – wäre er sicher, dass es nicht in die Presse gelangt -, als Christiane an ihrem 40. Geburtstag ihren Jürgen (den 4. in der Reihenfolge ihrer sequentiell Festen) in die mit Bachblütensud gefüllte Badewanne legte, und ihn mit einem halben Dutzend Räucherstäbchen sich selbst überließ, da gerade der Gerold (einer aus der Reihe der aktuellen Parallelen) ihr einen Höhepunkt als Beitrag zum Fest zu liefern versprach.

Ein Fest, das trotz seiner vordergründigen Bescheidenheit, ein Zeichen für die gesellschaftliche Struktur unseres neuen Jahrtausends setzt. Bei einem kleinen Champagnerfrühstück (als inzwischen arrivierte, nicht mehr selbst Gebatiktes tragende Oberstudienrätin und, als grüne Quotenfrau, stellv. Aufsichtsrätin des örtlichen Wasserkraftwerkes gehört sich das einfach) im „engsten Kreis“ (wie auf dem Einladungsschreiben stand) hatte Christiane – kürzlich von „BRIGITTE“ als vorbildliche, alleinerziehende Mutter geadelt - ihre beiden, inzwischen halbwüchsigen Kinder ihren jeweils vermutlichen Vätern und auch ihrem derzeitigen festen Sequentiellen, fast volljährigen Jürgen (der gerade in der Bachblüten-Badewanne kam) vorgestellt. Das war der angemessene Auftakt für ein heiteres Familienfest zum 40. von Christiane (immerhin trug ihr derzeitiger Feierabendpartner Jürgen bereits Sakko zu den Jeans, und es war zu erwarten, dass er mit seiner Volljährigkeit zum Dreiteiler wechseln würde). Dieter, nach ein paar nicht sehr befriedigenden Selbstfindungsversuchen und mehreren Schnäppchenjagden, die einem nüchternen Preis-Leistungsverhältnis nicht standhielten, ihr Erster von den Sequentiellen, hatte sich immer noch nicht von seinem Flanellhemd getrennt (einer der Gründe, weshalb auch seine kurze Zeit mit Christiane folgenlos blieb). Der 2.-sequentielle Herbert, mit dem es Christiane besonders gerne trieb (er war so kreativ-empfindsam und aufgeschlossenen allen neuartigen Erfahrungen gegenüber), soeben von seiner 7. Erinnerungswallfahrt nach Gorleben zurückgekehrt, zum Friseur gegangen und frisch geduscht nahm seine (wie er immer noch glaubt und bezahlt) Tochter Anna umarmend in die Arme. Johannes (sequentiell gezählt der Dritte) beglückwünschte Christiane zum trefflichen Gedeihen derselben, wobei er Christiane ein Leinensäckchen gefüllt mit biologischen Kirschkernen als vorbeugenden Schutz gegen Rheuma zum 40. überreichte. Dann begrüßte er Joho (der tatsächlich von ihm war). Schon bei Begrüßung gab es so genügend Erzählstoff für den engsten Familienkreis, um ganz zwanglos etwas miteinander zu plaudern, Erfahrungen auszutauschen, wobei im Gespräch sogar mehrfach das Stichwort von der „guten, alten Zeit“ fiel, die doch so übersichtlich war. Die ersten festen Sequentiellen und gelegentlichen Freizeitparallelen noch miteinander gut bekannt, keine Qual der Wahl vor dem Kleiderschrank, allenfalls: Baskenmütze oder Palästinensertuch, keine Qual der Wahl zwischen mehreren Parteien (es gab nur die eine Bewegung), ein wahres Paradies für einfache Leute. „Weißt du noch Christiane“, meinte Herbert, „damals im Wendland, wir hatten einfach nicht die Qual der Wahl, da wir einfach dasselbe wollten. Den Impetus müssen wir unserer Jugend weitergeben, auch wenn ich heute wegen der Bandscheiben den Schlafsack eher meide, aber es kommt ja auf den Kopf an.“ „Du darfst aber Herbert, bei aller notwendigen Realpolitik nicht vergessen“, warf Johannes ein, „dass das Elend in der Welt immer noch nicht, trotz unserer zahlreichen Proteste, geringer geworden ist. Ich bleibe bei meiner Linie. Ich opfere Jahr für Jahr meinen Urlaub und fliege zweimal zu den Entrechteten, schaue mir das an, protokolliere die sozialen Ungerechtigkeiten per Video und stelle dann meine Protestprotokolle ins Internet.“ Ein ganz normales Cocktailgespräch, wenn man in die Passatklasse aufgestiegen ist, und sich ein Erfahrungsaustausch über die ersten „Dritten“ als sehr erkenntnisfördernd erweist.

Wie in der guten, alten Zeit waren die ehemaligen Sequentiellen in tiefschürfende politische Diskurse geraten. Wovon Christiane sie erlöste, als sie gegen Mittag im „engsten Kreis“ ein von ihrem Lieblingsitaliener, der nur zum „Gelegenheitskreis“ zählt, „feuriges pollo al diavolo” und Prosecco servierte, bis dann gegen 15.00 Uhr auch der „erweiterte Familienkreis“, mit dem Christiane ihren 40. begehen wollte, anrückte. Da war auch der fast volljährige Jürgen aus der Badewanne gestiegen und wieder anwesend. Der Gerold hatte, nach seinem ersten Höhepunkt als Beitrag zum Fest wieder bürgerliche Kleidung angelegt und begrüßte, einen biologisch-ökologischen Rouge in der Hand haltend, den „erweiterten Kreis“ einzeln mit Küsschen rechts - Küsschen links. Christiane stellte beinahe alle ehemals Teilzeitparallelen allen ehemals Sequentiellen mit launigen Worten vor, wobei diese ohne größere Probleme ihre derzeitigen Lebensabschnittspartnerinnen dem Kreis der Feiernden zufügten, wobei der sich beträchtlich vermehrte, was in der Natur der Sache liegt.

Da füllte sich die reetdachgedeckte Kate (auch eine Oberstudienrätin und stellv. Aufsichtsrätin des örtlichen Wasserkraftwerkes, die einige Monate, also halbsequentiell, auch einen ortsansässigen Jungunternehmer zwischen den Beinen hatte, muss sich das leisten dürfen), und alle sangen „Happy birthsday ...“ und „So ein schöner Tag ...“, und erinnerten sich mit Wehmut daran, wie damals bei Gorleben der Widerstand so spontan, und der vermeintliche Widerstand von Christiane nur vorgetäuscht war. Aber, da hatten sich die Helden gerade erst auf¬gemacht, die Verhältnisse zu durchschauen, deren Folgen sie heute kaum noch überblicken können.

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